Chancengerechtigkeit und Empowerment in der Ganztagsschule

Chancengerechtigkeit und Empowerment in der Ganztagsschule
(c) DKJS / Jann Wilken; v.l. Volker Wieprecht, Jan-Christopher Rämer, Oggi Enderlein

Wie können alle Kinder und Jugendlichen erfolgreich lernen?
Chancengerechtigkeit ist das gemeinsame Ziel vieler bildungspolitischer und pädagogischer Maßnahmen – der Weg dorthin kann jedoch sehr unterschiedlich aussehen. Mehr Personal und Ausstattung oder kooperatives Lernen im jahrgangsübergreifenden Unterricht: In der deutschen Bildungslandschaft stehen sich häufig strukturelle und  pädagogische Ansätze gegenüber. Doch welcher Ansatz trägt eher zum Bildungserfolg und Empowerment von Schülerinnen und Schülern bei? Und welche Rolle kommt dabei der Ganztagsschule zu?

Oggi Enderlein setzt sich als Gründungs- und Vorstandsmitglied der Initiative für Große Kinder e.V. dafür ein, dass die Perspektiven und Interessen der 6- bis 13-jährigen Kinder in Familie, Schule, Freizeit und Stadtplanung stärker berücksichtigt werden.

Jan-Christopher Rämer ist Bezirksstadtrat in Berlin-Neukölln und leitet die Abteilung Bildung, Schule, Kultur und Sport. Mit dem Projekt „Campus Efeuweg“ werden in Neukölln Schul- und Stadtentwicklung eng miteinander verbunden, um Bildungschancen und Lebensqualität im Wohnumfeld zu erhöhen.

Moderation: Volker Wieprecht

Videomitschnitte beider Inputs finden Sie am Ende dieser Seite.

 

Oggi Enderlein im Input

Welche Rolle die pädagogische Beziehung für den Bildungserfolg und das Empowerment von Schülerinnen und Schülern spielt und wo die Grenzen struktureller Förderung sind, waren die Themen des Inputs von Oggi Enderlein. „Große Fragen, deren Antwort Bände füllen“, sagte Oggi Enderlein.

Kinderrechte als pädagogische Maxime

Den Rahmen ihrer Ausführungen bildete die UN-Kinderrechtskonvention. Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, ist das Wohl des Kindes vorrangig zu berücksichtigen, heißt es z. B. in Artikel 3 der Konvention. Das Recht auf bestmögliche Entwicklung, das Recht auf Gehör und Beteiligung zu gewährleisten – das seien die zentralen Aussagen der UN-Konvention, so Oggi Enderlein. Gesunde Entwicklung komme aus entwicklungspsychologischer Sicht hinzu. Warum dieser Aspekt so wichtig sei, darauf weisen die psychosomatischen Belastungen im Schulalltag hin, die in Studien wie z. B. KiGGS (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) nachgewiesen wurde.

Ohne Wohlbefinden kein Empowerment

Autonomie und Selbstbestimmung zu erreichen, darum geht es bei Empowerment. „Empowerment steht für das wunderbare Gefühl, etwas aus eigener Kraft und in eigener Verantwortung zu erreichen. Und zwar nicht irgendetwas erreichen, sondern etwas, dass für sich selbst und für andere sinnvoll und bedeutsam ist“, betonte Oggi Enderlein. Dieses Gefühl hängt mit dem allgemeinen Wohlbefinden zusammen - ein Zusammenhang, den man sich, auch im Schulkontext, gar nicht oft genug vor Augen führen kann, findet Oggi Enderlein.

Wohlbefinden wird gefördert durch Erfahrungen von Wertschätzung, Anerkennung und sozialer Eingebundenheit. „Ich hab das Gefühl, hier gehöre ich dazu. Das ist meine Schule und hier kann ich etwas beisteuern“, das sei wesentlich für diese Erfahrung, so Oggi Enderlein. Beteiligung heißt auch, gehört, gesehen und wichtig genommen zu werden und das sei mehr als formale Beteiligung, sondern beginnt bereits in der alltäglichen pädagogischen Beziehung.

Wie steht es um das Wohlbefinden in der Schule?

Das LBS Kinderbarometer 2016 zeigt, wie es Kindern zwischen 9 und 14 Jahren in der Schule geht und über einem Viertel der Kinder geht es nicht gut. Angst vor Klassenarbeiten und Noten, das Gefühl nicht gehört zu werden, bewegt die Kinder.

Prof. Dr. Annedore Prengel hat mit ihren Studierenden 10.000ende Unterrichtsstunden protokolliert und im Hinblick auf die Kommunikation zwischen Lehrkraft und Schülerinnen und Schülern untersucht. 5% der untersuchten Interaktionen wurden als seelisch verletzend eingestuft und weitere 20% als tendenziell seelisch verletzend. Im Durchschnitt erfährt jedes Kind mindestens zweimal am Tag eine starke psychische Verletzung. Das ist alarmierend.

In der internationalen Studie Children’s Worlds (Andresen/Ben-Arieh/Bradshaw/Casas 2015) zum Wohlbefinden von Kindern wurde Deutschland ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. In anderen Ländern sei das Gefühl der Kinder, von Erwachsenen respektiert zu werden, sehr viel deutlicher ausgeprägt. Vor dem Hintergrund dieser verschiedenen Studien und Erkenntnisse tue man gut daran, sich damit zu beschäftigen, wie Schule sein muss, damit es den Kindern gut geht. Denn dann wird auch der Lernerfolg besser, sagte Oggi Enderlein.

Was tun?

Diese Erkenntnis hat auch die Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen motiviert. Die Reckahner Reflexionen wurden in einer Arbeitsgruppe, initiiert von Annedore Prengel, aus verschiedensten Praktikerinnen und Praktikern und Forschenden über mehrere Jahre hinweg entwickelt. Sie formulieren Leitlinien für pädagogisches Handeln und Beziehungsgestaltung in Schulen. „Es geht darum, sich zu fragen, wie die Ganztagsschule sein muss, damit sie dem Kind gerecht wird statt umgekehrt, wie muss das Kind sein, damit es der Schule gerecht wird“, sagte Oggi Enderlein. Und man muss die Entwicklungsthemen der Heranwachsenden in den unterschiedlichen Lebensphasen kennen, wissen, was Kindern und Jugendlichen wichtig ist, betonte sie. „Wenn Kinder nicht in die Norm passen, nicht zu versuchen, sie in eine Norm zu pressen, sondern immer zu fragen, was will mir dieses Kind mit seinem Verhalten sagen“, das sei eine der Leitlinien, der Reckahner Reflexionen.  

Die Präsentation von Oggi Enderlein finden Sie hier.

Zur Videoaufnahme des Inputs gelangen Sie hier.

 

Jan-Christopher Rämer im Input

Jan-Christopher Rämers Einstieg sorgte für Überraschung: „Was wir gerade von Oggi Enderlein gehört haben, ist großer Quatsch“, meinte er und ergänzte: „Das würde ich zumindest sagen, wenn ich Verfechter des Halbtags wäre!“ Dass er im Gegenteil ein großer Streiter für den Ganztag ist, bewies sich eindrücklich im Laufe seines Vortrags.

Ja zur gezielten Förderung von „Brennpunktschulen“

Aus Perspektive eines Schulträgers stellte er dar, welche Gestaltungsmöglichkeiten genutzt werden können, um für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen. Und das beinhaltet ein klares Ja zu gezielter Förderung von Brennpunktschulen. Die Ausganglage in Neukölln, „seinem“ Bezirk, und zum Teil auch in ganz Berlin sei herausfordernd: Die Schülerschaft in Neukölln bspw. komme zur Hälfte aus Haushalten, die von Transferleistungen abhängig sind. An manchen Schulen sind es gar 80%.

„Ich bin überzeugt, dass wir gleiche Chancen für Schülerinnen und Schüler nur schaffen, wenn wir in sogenannten benachteiligten Stadtteilen gezielt investieren“, machte Jan-Christopher Rämer deutlich. Als Schulträger stehe er vor der Herausforderung, die Rahmenbedingungen für gute, chancengerechte Ganztagsbildung im Bezirk zu schaffen und in Kooperation mit den Schulaufsichten dafür zu sorgen, dass auch das inhaltliche Angebot stimmt. „Nur wenn Beides im Einklang ist, funktioniert Ganztag“ sagte er.

Leuchttürme als Zeichen, dass es funktioniert

Das ganze Land spricht über Schulsanierung und Neukölln traut man zu, die schlechtesten Schulbauten zu haben. „Das Gegenteil ist der Fall und das liegt an klaren politischen Weichenstellungen“, denn der Bezirk habe 80% der baulichen Investitionen auf die Schulen konzentriert. Und dazu gehörte auch der Ausbau des Ganztags. „Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, nicht mit der Gießkanne Ressourcen zu verteilen, sodass jede Schule ein bisschen profitiert, sondern, auch im Hinblick auf den Ausbau des Ganztags, ein paar Leuchttürme zu setzen und vorzumachen, dass es funktioniert.“ Man brauche erlebbare Beispiele, um andere Menschen zu überzeugen.

Nach dem Campus Rütli wurde an einem - selbst für Neuköllner Verhältnisse benachteiligten - zweiten Ort der Ansatz einer ganzheitlichen Bildung umgesetzt. Die Schule schließen oder umbauen und pädagogisch neudenken? Das war am Campus Efeuweg die Ausgangfrage. Beibehalten und Umwandeln in eine Ganztagsschule und Zusammenführen der Grundschule und Realschule in eine Gemeinschaftsschule waren Entscheidungen am Anfang.

Campus Efeuweg - ein Campus für lebenslanges Lernen in geteilter Verantwortung

Mit Bildungsangeboten auch die Elternschaft zu erreichen, ist eine kontinuierliche Aufgabe am Campus. Deswegen bekommt auch die Volkshochschule dort Räumlichkeiten, ebenso wie Musikschule. Und deswegen wird dort auch ein Zentrum für Sprache und Bewegung, das mit Bundesmitteln gefördert wird, errichtet. Der Campus ist ein Vorhaben in geteilter Verantwortung. Deswegen wird nicht getrennt zwischen Zuständigkeiten der Bildungsverwaltung und der Stadtentwicklung. „Bildungsgerechtigkeit - das geht in der Zukunft nur, wenn die Schule als ein Lebensort im Stadtteil begriffen und gestaltet wird, an dem Kinder und Jugendliche gerne sind und wo Eltern beteiligt werden. Dahinter stehe ein Ansatz des Empowerment: Die Menschen, die da sind, zu bestärken und zu befähigen - ein Ansatz aus der Sozialen Stadt übertragen auf die Schule. Das gelingt mit Anerkennung und Wertschätzung einerseits und der Konzentration von Kräften andererseits.