Gemeinsam wirken: Kooperative Qualitätsentwicklung im Ganztag

Die Qualitätsentwicklung im Ganztag gelingt dort besonders wirksam, wo unterschiedliche Akteur:innen systematisch zusammenarbeiten und ihre Perspektiven miteinander verbinden. Wie sich die Kooperation praktisch gestalten lässt, erzählen im Gespräch Martin Reichert, Leiter der Europaschule Rheinberg, und Dirk Timmerman, Schulfachlicher Dezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf.

Martin Reichert und Dirk Timmermann im Gespräch miteinander
DKJS/Jakob Erlenmeyer

Kooperation als Grundprinzip

In Nordrhein-Westfalen arbeiten Schulleitungen von Gesamt-, Sekundar- und PRIMUS-Schulen gemeinsam mit verschiedenen Partnern kontinuierlich daran, die Qualität im Ganztag weiterzuentwickeln. Impulse dafür lieferte das Programm LiGa – Lernen im Ganztag (2016–2024), eine Initiative der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) und der Stiftung Mercator. Im Zentrum steht nicht die Arbeit einzelner Institutionen, sondern die systematische Zusammenarbeit aller Beteiligten: Schulen, pädagogisches Personal, außerschulische Partner:innen und auch unterstützende Ebenen des Systems gestalten den Ganztag gemeinsam.

Die Erfahrungen zeigen, dass nachhaltige Qualitätsentwicklung im Ganztag vor allem dort gelingt, wo Kooperation als Grundprinzip verankert ist. Unterschiedliche Perspektiven werden bewusst zusammengeführt, Wissen geteilt und Entwicklungsprozesse gemeinsam verantwortet. So entsteht ein Netzwerk, in dem Schulen voneinander lernen und sich gegenseitig stärken.

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Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Ein wesentliches Merkmal dieser Entwicklung ist die veränderte Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteur:innen: Statt eines einseitigen Steuerungsverständnisses rückt ein partnerschaftlicher Austausch in den Mittelpunkt. Unterschiedliche Rollen bleiben bestehen, treten aber zugunsten eines gemeinsamen Ziels in den Hintergrund: die bestmöglichen Bildungs- und Teilhabechancen für Kinder und Jugendliche im Ganztag zu schaffen.

„Wir haben bisher Dienstbesprechungen mit 135 Schulleitungen eher nur informierend gemacht. Mittlerweile sind es Arbeitssitzungen. Die Kolleg:innen kommen in kollegialen Austausch und arbeiten themengebunden, was deutliche Qualitätssteigerung mit sich gebracht hat.“

Dirk Timmermann
Schulfachlicher Dezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf

Kooperation bedeutet dabei mehr als Abstimmung. Sie umfasst gemeinsame Reflexion, kollegialen Austausch und die Entwicklung konkreter Lösungsansätze. Arbeitsformate werden zunehmend dialogisch gestaltet und als gemeinsame Entwicklungsräume genutzt. Dadurch verändert sich die Qualität der Zusammenarbeit spürbar: Aus reinen Informationsformaten werden Arbeitsprozesse, in denen gemeinsam gedacht, geplant und umgesetzt wird.

Ganztag als gemeinsamer Gestaltungsraum

Der Ganztag ist ein zentraler Ort für Bildung, Erziehung und soziale Teilhabe. Kinder und Jugendliche verbringen hier einen großen Teil ihres Alltags. Entsprechend hoch ist die Verantwortung, diesen Raum qualitätsvoll zu gestalten.

Ein gut entwickelter Ganztag bietet mehr als zusätzliche Lernzeit. Er eröffnet vielfältige Möglichkeiten für individuelle Förderung, Persönlichkeitsentwicklung und gemeinschaftliches Lernen. Damit er diese Potenziale entfalten kann, braucht es jedoch abgestimmtes Handeln aller Beteiligten: Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte, außerschulische Partner, Schulleitungen sowie weitere Unterstützungsstrukturen müssen eng zusammenarbeiten.

„Wir wollen den Ganztag so gestalten, dass er für die Schülerinnen und Schüler ein zweites Zuhause ist.“

Martin Reichert
Leiter der Europaschule Rheinberg

Kooperation wird so zur zentralen Voraussetzung für Qualität. Nur wenn unterschiedliche Kompetenzen zusammenwirken, kann ein Ganztag entstehen, der den vielfältigen Bedürfnissen der Schüler:innen gerecht wird und Bildungschancen verbessert.

Netzwerke als lernendes System

Diese Form der Zusammenarbeit verändert die Logik von Schulentwicklung nachhaltig: An die Stelle paralleler Einzelinitiativen tritt ein gemeinsames Vorgehen, bei dem Herausforderungen geteilt, Lösungen kooperativ entwickelt und erfolgreiche Ansätze schneller verbreitet werden. Dadurch gewinnen Entwicklungsprozesse an Dynamik und Wirksamkeit.

Zugleich schaffen Netzwerke Verbindlichkeit und Kontinuität. Sie ermöglichen es, Ideen nicht nur zu entwickeln, sondern gemeinsam zu erproben, weiterzuentwickeln und rasch in die Praxis zu überführen – direkt zum Nutzen der Schüler:innen.

Die Weiterentwicklung des Ganztags erfordert dabei ein koordiniertes Handeln auf mehreren Ebenen und kann von einzelnen Schulen nicht allein bewältigt werden. Netzwerke stellen hierfür die notwendige Verbindung her, indem sie Praxiserfahrungen mit übergreifenden Entwicklungsprozessen verknüpfen und ein gemeinsames Qualitätsverständnis fördern. So entsteht ein lernendes System, in dem sich alle Beteiligten gegenseitig unterstützen und gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Schulaufsicht als verlässliche Partnerin

Ein wesentlicher Faktor dieses Transformationsprozesses ist zudem der Rollenwandel der Schulaufsicht. Während diese traditionell vor allem kontrollierende und verwaltende Funktionen wahrnahm, entwickelte sie sich im Kontext von LiGa zunehmend zu einer professionellen Beratungseinheit. Schulaufsicht agiert heute stärker als „Critical Friend“, der Schulen nicht nur überprüft, sondern konstruktiv begleitet, Entwicklungsprozesse anstößt und Impulse gibt.

„Durch die Vernetzung der Arbeit von Schulaufsicht und Schulleitung kriegen wir es deutlich besser hin, dass unsere programmatischen Ideen wirksamer und schneller bei Kindern ankommen. Denn genau dafür machen wir es ja: für Schülerinnen und Schüler in den Schulen.“

Dirk Timmermann
Schulfachlicher Dezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf

Diese Veränderung basiert auf einem erweiterten professionellen Selbstverständnis, das durch gezielte Qualifizierung unterstützt wurde. Im Rahmen des Programms wurden Schulaufsichten unter anderem zu systemischen Organisationsberater:innen weitergebildet. Dadurch sind sie in der Lage, komplexe Schulentwicklungsprozesse differenziert zu analysieren, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren und passgenaue Unterstützungsangebote zu machen. Vertrauen, Rollenklarheit und dialogische Kompetenz erweisen sich dabei als relevante Erfolgsfaktoren.

Erstmals wurde im Rahmen von LiGa auch die Schulaufsicht selbst systematisch vernetzt. Der Austausch zwischen den zuständigen Dezernaten der Bezirksregierungen fördert ein gemeinsames Verständnis von Qualität und ermöglicht eine abgestimmte Steuerung. So entstehen Lernprozesse nicht nur auf Schulebene, sondern im gesamten System. Laut Dirk Timmerman, Schulfachlicher Dezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf, gehen die Dezernent:innen mittlerweile viel mehr in den intensiven inhaltlichen Austausch, vernetzen sich und die Schulen untereinander und sorgen so dafür, dass nicht alles mehrfach parallel entwickelt wird, sondern man gemeinsam daran arbeitet.

Partizipation und Rollenwandel als Schlüssel zur Qualität

Ein qualitativ hochwertiger Ganztag lebt von der Vielfalt der Perspektiven. Neben den Professionen im System spielen auch Schüler:innen, Eltern sowie weitere Beteiligte eine wichtige Rolle. Ihre Erfahrungen und Sichtweisen sind unverzichtbar, um Angebote passgenau zu gestalten.

Auch der Wandel hin zu einer beratenden Schulaufsicht, die eng mit Schulleitungen kooperiert und Netzwerke aktiv gestaltet, trägt maßgeblich dazu bei, dass Bildungsqualität nicht nur punktuell verbessert, sondern systematisch weiterentwickelt wird. Letztlich steht hinter all diesen Bemühungen ein gemeinsames Ziel: bessere Lern- und Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche zu schaffen und Bildung so zu gestalten, dass Schule für Schüler:innen ein Ort wird, an dem sie sich entfalten können, an dem sie gefördert werden und an dem sie eine echte Chance auf Zukunft erhalten.

Netzwerke bieten den Raum, diese unterschiedlichen Stimmen einzubeziehen und miteinander in Austausch zu bringen. Dialogische und partizipative Prozesse stärken nicht nur die Qualität von Entscheidungen, sondern auch die Identifikation mit den Ergebnissen. Dadurch wird Ganztag gemeinsam gestaltet – und nicht nur umgesetzt. Das Ziel bleibt dabei immer dasselbe: Kindern und Jugendlichen ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich wohlfühlen, entwickeln können und bestmögliche Bildungschancen erhalten. Oder, um es mit den Worten von Martin Reichert zu sagen: „Vernetzt euch, vernetzt euch, vernetzt euch!“ – denn genau darin liegt der Schlüssel für einen qualitativ starken Ganztag.