Vom Lern- zum Lebensort

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© DKJS/D. Ibovnik

Ob Filzen, Schach oder Sanitätsdienst, viele der Ganztagsangebote der Grund- und Gemeinschaftsschule Boostedt (Schleswig-Holstein) werden nicht von Lehrkräften, sondern von außerschulischen Mitarbeitern angeboten. Damit die Verzahnung von Vor- und Nachmittag funktioniert, braucht es ein durchdachtes Konzept und eine gute Teamarbeit. 

Von Beate Köhne

Wer findet am schnellsten heraus, welches Wort gemeint ist? Die pädagogische Mitarbeiterin Sylvia Witt und die beiden Mädchen, die rechts und links von ihr auf dem Sofa sitzen, bilden ein gutes Rateteam. Sogar den ‚Sitzsack von Yvonne’ erraten sie, obwohl darin die ungewöhnlichen Konsonanten gleich doppelt vorkommen. Im Offenen Angebot der Grund- und Gemeinschaftsschule Boostedt wird gespielt, getobt und gequatscht. Ein Junge erzählt von seinem Urlaub in Dänemark, ein Mädchen vermeldet, welcher Superstar gerade aus der TV-Sendung geflogen ist, und Sylvia Witt hört zu, fragt nach, und hält nebenbei noch eine hoch gewachsene Sechstklässlerin dazu an, die oberste Kommodenschublade wieder aufzuräumen, nachdem sie darin herumgewühlt hat. Die murrt zwar, ordnet dann aber alle durcheinander fliegenden Papiere und Stifte.

Zwischen 12 und 14 Uhr können die Boostedter Schulkinder die große Turnhalle und den angrenzenden kleinen Aufenthaltsraum nutzen, betreut von „den beiden Sylvias“, wie Sylvia Witt und ihre Kollegin Sylvia Neubauer hier von allen genannt werden. „Anfangs wurde hier wirklich nur gerauft und getobt“, erinnert sich Sylvia Witt, „das Offene Angebot musste sich erst etablieren.“ Als sie 2004 anfing, da war die Schule noch Haupt- und nicht Gemeinschaftsschule. „Die Schülerinnen und Schüler fanden es zunächst komisch, dass da jetzt eine Frau kommt, die nach dem Unterricht auf sie aufpassen will“, erinnert sich die gelernte Krankenschwester. Außer den Lehrern und dem Hausmeister hätten bis dahin ja noch nie andere Personen an der Schule gearbeitet.

Ausstauch in der Teamsitzung

Bei der Teamsitzung im Büro der Schulleiterin sitzen heute neben den beiden Sylvias, die auch die Hausaufgabenbetreuung leiten, zwei Lehrerinnen, zwei Mitarbeiterinnen vom Verein ‚Rasselbande’, der die Grundschulkinder vor und nach dem Unterricht betreut, sowie die pädagogische Mitarbeiterin, die für Mensa und Kiosk zuständig ist. „Unsere Teamsitzung ist eigentlich eher informell, aber genau hier findet die Verzahnung von Vor- und Nachmittag statt“, erklärt Lehrerin Birgit Joost, die den offenen Ganztag organisiert, bevor sie reihum die Anliegen abfragt. Die Qualität des Kantinenessens kommt ebenso zur Sprache wie die Fördermöglichkeiten für einen verhaltensauffälligen Jungen. Die anwesenden Nachmittagskräfte wollen wissen, wann die Kinder in der kommenden Woche vom Wandertag zurückkommen und alle erfahren, dass der gestrige Schnupperkurs Tennis gut angenommen wurde und wohl wieder eine neue AG zustande kommen wird. 

Egal ob Filzen, Schach oder Sanitätsdienst, die meisten AGs werden nicht von Lehrern, sondern von schulexternen Mitarbeitern angeboten. „Die Kontakte sind über Jahre gewachsen und die Zusammenarbeit wird von Jahr zu Jahr besser“, sagt Schulleiterin Dagmar Drummen. Das liege nicht nur an den wöchentlichen Teamsitzungen. Die OGTS sei auch fester Tagesordnungspunkt auf den Lehrerkonferenzen, an denen die Sozialpädagogin ebenfalls teilnimmt, genau wie die Erzieherinnen bei den Elternabenden. „Bei uns weiß jeder genau, was läuft“, stellt Dagmar Drummen nicht ohne Stolz fest, „man kennt sich, man trifft sich und man spricht sich ab.“

Einen Schritt voraus

Die Schule scheint ihrer Zeit immer einen Schritt voraus zu sein: Weil es schon nachmittägliche Angebote gab, fiel es leichter, im Jahr 2004 den Schritt hin zur Offenen Ganztagsschule zu gehen. Und als der Offene Ganztag etabliert war, da klappte es 2008 auch mit der Bewerbung als Gemeinschaftsschule, was viele aufgrund der Schulgröße bezweifelt hatten. Seitdem steigen die Schülerzahlen von Jahr zu Jahr, längst müssen die Boostedter Bewerber ablehnen. Es fehlt an Platz. Im nächsten Schuljahr kommen mindestens 50 weitere Schüler hinzu, aber dann kann auch der neue Anbau bezogen werden, den sich die Gemeinde einiges kosten ließ. Auch die Raumverteilung wird demnächst Thema der Teamsitzung werden. Fest steht bereits: Um das nachmittägliche Angebot für die Älteren attraktiver zu machen soll ein Schülercafé eingerichtet werden.

Mit dem Thema Raum setzen sich die Boostedter derzeit auch im länderübergreifenden ‚Netzwerk Ganztagsschulen’ auseinander. Oberthema im Netzwerk IV, in dem neun Schulen aus sechs Bundsländern zusammen arbeiten, ist die Lernkultur. „Ein gutes Raumkonzept für den Vor- und Nachmittag kann die Lernkultur stark verändern“, findet Schulleiterin Dagmar Drummen. Außerdem würden sie versuchen, im Rahmen ihrer Netzwerkarbeit die Schülerpartizipation zu stärken. Die Frage der Raumverteilung sei ein guter Anlass, den Schülern beizubringen, wie Entscheidungsprozesse ablaufen und wie sie ihre Stimmen einbringen könnten. Inzwischen hat die Schülervertretung die Klassen bereits nach ihren Wünschen befragt und diese gestern in der Schulkonferenz bekannt gegeben. „Der nächste Schritt wird sein, dass Schülerinnen und Schüler Verantwortung für den Raum übernehmen“, sagt die Schulleiterin.

Für die Boostedter ist es bereits das zweite Mal, dass sie in einem Netzwerk mit anderen Schulen zusammen arbeiten. „Wer sich aktiv einbringt, der macht dadurch einen großen Schritt nach vorne“, sagt Dagmar Drummen. Bei den abschließenden Präsentationen im ersten Netzwerk sei sie manchmal sprachlos gewesen, wie viel die einzelnen Schulen in nur zwei Jahren auf die Beine gestellt hätten. Auch das Thema ihrer ersten Netzwerkarbeit beschäftigt die Boostedter immer noch: Damals ging es um die Verzahnung von Vor- und Nachmittag. Personell funktioniere die zwar schon gut, inhaltlich sei aber noch einiges zu bedenken. Was mache ich am Vormittag, damit es dem Nachmittag nutzt und man sich gegenseitig nichts wegnimmt? Für jede Jahrgangsstufe wurde jetzt ein Lerncurriculum entwickelt, das auch die Nachmittagskräfte einsehen können – wobei sich alle einig sind, dass der Nachmittag nicht verschult werden soll.

Angebote am Nachmittag

„Nachmittags können wir uns austoben“, sagt die 15-jährige Finja denn auch, „das ist nicht so wie Schule.“ Wer keine Lust mehr habe, der mache eben eine Pause oder spiele ein Spiel. Die Achtklässlerin hat schon in vielen AGs mitgemacht, sie kann jetzt im Sambarhythmus trommeln, sie töpferte, kochte und sägte in der Holzwerkstatt. Jetzt ist Finja so etwas wie die inoffizielle Leiterin der AG Einrad geworden, denn die Boostedterin nimmt in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal bei den Deutschen Meisterschaften teil. Warum also nicht andere für ihren Sport begeistern und vielleicht für den Verein gewinnen?

Lehrerin Iris Saborrosch lacht, als sie erzählt, dass sie in ihrer Einrad-AG die einzige sei, die immer noch nicht freihändig fahren könne: „Die Schüler sind in vielen Bereichen mehr Profis als wir, und das müssen wir unbedingt nutzen.“ Auch im ersten Stock möchte Sechstklässler Markus seinem Lehrer an diesem Nachmittag etwas beibringen: „Wenn Sie Musik auf Ihrem Handy haben wollen, dann müssen Sie mir nur Bescheid sagen“, sagt er. Doch Ulf Christen, Leiter der nachmittäglichen Computer-AG, ist ganz zufrieden mit seinem Handy, das nur telefonieren kann. Ein anderes Mädchen bittet darum die Tafel wischen zu dürfen, die nächste möchte mit ihm ein Foto auswählen, das sie ihrer Klassenlehrerin zum Geburtstag auf ein T-Shirt drucken wollen.

„Wie eng die Bindung zwischen Schülern und Kursleitern werden würde, hat alle überrascht“, hatte Ganztags-Koordinatorin Birgit Joost bereits beim gemeinsamen Mittagessen erzählt. Auch in der Mensa bei Frikadellen und Kartoffelbrei, aber vor allem in den AGs, bei der Hausaufgabenbetreuung oder im Offenen Angebot lerne man sich gegenseitig noch mal ganz anders kennen und erzähle einander andere Dinge als im Unterricht. „Das wirkt inzwischen auch auf den Vormittag zurück“, nickt Konrektorin Carola Wisbar, die seit 28 Jahren an der Schule unterrichtet. Ihrem Ziel, die Schule vom Lernort zum Lebensort zu machen, seien sie in Boostedt durch den Offenen Ganztag deutlich näher gekommen: „Natürlich ist so etwas schwer messbar, aber ich glaube, besonders für die Jüngeren ist Schule inzwischen positiv besetzt.“


Datum: 22.08.2011
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