Mit guter Atmosphäre für bessere Abschlüsse

Die Oberschule Ankum in der Samtgemeinde Bersenbrück

Wer sich für das Wohlbefinden von Schülern und Lehrkräften einsetzt, verbessert auch die Lernkultur und die Schulleistungen – das Beispiel der Oberschule Ankum in der Samtgemeinde Bersenbrück in Niedersachsen regt zur Nachahmung an.

Oliver, 15 Jahre, fühlt sich wohl in seiner Ganztagsschule, die neuerdings Haupt- und Realschule unter einem Dach vereint. Die Schülerinnen und Schüler der verschiedenen Schulen werden nun gemeinsam unterrichtet – eine große Herausforderung für Lehrkräfte und Klassen. Damit die Freude am Lernen nicht auf der Strecke bleibt, hat die Schule sich etwas Besonderes einfallen lassen: Wenn Oliver und seine Mitschülerinnen und –schüler Unterricht in Deutsch, Mathe oder Musik haben, machen sie sich auf den Weg zur jeweiligen Lehrkraft. Dort erwartet sie eine angenehme Atmosphäre, denn jede Lehrkraft kann ihr Klassenzimmer bis zu einem gewissen Grad individuell einrichten. So hängt sich etwa eine Lehrerin Bilder von Schülerinnen und Schülern an die Wand, während ein anderer Lehrer Landkarten oder Modelle in seinem Klassenraum bevorzugt.

„Die Lehrkräfte sind nicht nur Lehrer, sondern auch Gesprächspartner“

Oliver wird somit zu einem Gast der jeweiligen Lehrkraft, was ihm das Gefühl gibt, als betrete er das Wohnzimmer der Lehrerinnen und Lehrer: „Die Lehrer sind nicht mehr nur Lehrer, sondern Gesprächspartner“, erklärt er. Der Lehrerberuf lebt auch von der Fähigkeit, Beziehungen zu den Schülerinnen und Schülern aufzubauen. Und so scheint das Unterrichten im gastlichen Umfeld der jeweiligen Lehrkraft seit der Einführung der offenen Ganztagsschule vor rund einem Jahr besonders gut geeignet, um das Wohlbefinden und damit auch die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern zu fördern.

Auch der Vorteil für die Gesundheit der Lehrkräfte liegt auf der Hand: Sie haben das nötige Material für den Unterricht immer griffbereit und können sich ganz in Ruhe auf die nächste Stunde vorbereiten, statt sich hektisch zum nächsten Raum zu begeben. Die veränderte Lernkultur, die an der Oberschule Ankum anzutreffen ist, hat einen Namen: das Lehrerraumprinzip. Das neue Raumkonzept gewährleistet, dass Schüler und Lehrkräfte in einer deutlich entspannten Atmosphäre lernen und leben: „Die Schule ist ruhiger geworden und die Klassenräume werden richtig sauber gehalten“, freut sich Elisabeth Nieberg, die das Lehrerraumprinzip auf einer Fortbildung für ihre Schule entdeckte.

„Wenn die Schülerinnen und Schüler sich wohlfühlen, erreichen sie bessere Schulabschlüsse“

Nachdem die Lehrerin für Deutsch, Englisch und Kunst im Jahr 2008 einen Vortrag von Prof. Peter Paulus von der Leuphana-Universität Lüneburg gehört hatte, setzte sich begeistert dafür ein, das Thema an ihrer Schule bekannt zu machen. Sie hatte Glück, denn Prof. Paulus gelang es auf der Grundlage einer umfassenden Expertise eine Förderung des Themas „Psychische Gesundheit an Ganztagsschulen“ durch das Bundesgesundheitsministerium zu erwirken. Seit dem Schuljahr 2011/2012 wird das Lehrerraumprinzip an der Oberschule im Rahmen des Projekts „Mit psychischer Gesundheit Ganztagsschule entwickeln“ als Teil eines länderübergreifenden Netzwerks erprobt und durch die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Niedersachsen aktiv begleitet. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich alle wohler fühlen, da es keine festen Klassen mehr gibt und die Schülerinnen und Schüler kein Territorium mehr zu verteidigen haben“, berichtet Thomas Nachtwey, Leiter der Serviceagentur in Niedersachsen.

Ob das Lehrraumprinzip gelinge, sei allerdings von den Zahlungen abhängig, die etwa die Samtgemeinde Bersenbrück als Schulträger bereitstellt. Dabei kommt es gelegen, dass die Strukturreform – also die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule zur Oberschule – mit dem Start des Projekts „Gut geht's“ und dem Aufbau der offenen Ganztagsschule zeitlich zusammenfiel. „Wenn die Schülerinnen und Schüler sich wohlfühlen, erreichen sie auch die besseren Schulabschlüsse“, ist sich der Erste Samtgemeinderat Johannes Koop sicher. Ein klarer Vorteil für die Kommune, die dem Thema Bildung als Standort für junge Familien und für die Wirtschaft besonders interessant wird.

Kurze Dienstwege zwischen Schulleitung und Gemeinde

Neben der finanziellen Unterstützung durch die Gemeinde ist die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Samtgemeinde und der Schulleiterin Gabriele Balgenort wichtige Voraussetzung für das Gelingen des Projekts: „Bewährt haben sich dabei die kurzen Dienstwege zwischen der Schulleiterin und dem Fachdienst ‚Service und Bildung' der Gemeinde“, berichtet der Leiter des Fachdienstes, Heinz Klövekorn. Stets bemühe man sich mit der Oberschule um eine gemeinsame Lösung. So hat der Schulträger für die Umsetzung des neuen Lehrerraumkonzepts für eine Erprobungsphase einen zusätzlichen, bereits gründlich sanierten Gebäudeteil mit weiteren Klassen- und Fachräumen zur Verfügung gestellt.

In ihrem Ganztagsbetrieb kann die Oberschule Ankum weitere Impulse für die Gesundheitserziehung setzen, zum Beispiel durch Spielgeräte und den Umbau des Schulhofs für mehr Bewegungsmöglichkeiten oder durch Rückzugsräume für bessere Entspannung. „Letztlich soll die ganze Schule von innen und außen so umgestaltet werden, dass sie der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Nutzer entgegenkommt“, führt Schulleiterin Balgenort aus. Die Vermittlung von Ernährungskonzepten bedeutet für die Schulleiterin ebenfalls einen Beitrag zu psychischer Gesundheit.

Positive Rahmenbedingungen für gute Schulleistungen

Sind erst einmal die positiven Rahmenbedingungen für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden geschaffen, kommt auch die schulische Leistung nicht zu kurz. Angesichts zunehmend heterogener Klassen sieht Balgenort die Herausforderung nun darin, die Kompetenzorientierung an der Schule zu stärken: „Was kann die Schülerin oder der Schüler? Was kann sie nicht?“ Die Fokussierung auf Kompetenzen hat dazu geführt, dass sich die Anforderungen an Material und Unterricht grundlegend gewandelt haben. Dank der zusätzlichen Zeit im offenen Ganztag gelingt außerdem ein gut rhythmisierter Wechsel von Arbeits- und Entspannungsphasen.

Dass gegenwärtig rund die Hälfte der Schülerinnen und Schüler am Ganztag teilnehmen, belegt die gestiegene Akzeptanz, die das Schulmodell nicht zuletzt unter den Eltern genießt. Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung der Oberschule Ankum zur teilweise offenen Ganztagsschule aus Sicht der Schulleiterin nur folgerichtig. Ihr Fazit: Vom Wohlbefinden der Lehrkräfte und der Schülerinnen und Schüler hängt die Leistungsfähigkeit der ganzen Schule ab.

Oberschule Ankum
Am Kattenboll 10
49577 Ankum