Wenn Schule ein Stück Zuhause wird

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© DKJS/D. Ibovnik

 ... oder: Schule muss ja nicht am Schulzaun enden!

"Wir müssen die Kinder genauer anschauen und mit ihnen reden und ihre Fragen ernst nehmen. Es geht um emotionale Verbindlichkeit. Die Schule muss, und das gilt jetzt nicht nur für die Ganztagsschule, Kinder akzeptieren und respektieren. Und damit komme ich zum Schlüssel für eine gute Ganztagsschule: Beteiligung der Kinder."

Lothar Krappmann im Gespräch mit Oggi Enderlein

In der gemeinsam ins Leben gerufenen Initiative für Große Kinder e.V. setzen sich Bildungsforscher Lothar Krappmann und Psychologin und Publizistin Oggi Enderlein für die Interessen und Bedürfnisse von Kindern ein. Für www.ganztaegig-lernen.de haben sie sich getroffen, um über emotionale Verbindlichkeit, Freiräume für Kinder und die Rolle der Ganztagsschulen zu sprechen.

 

Oggi Enderlein:
Was bedeutet es eigentlich, wenn Kinder von der ersten Klasse bis zum Jugendalter wirklich den ganzen Tag in die Schule gehen,

Oggi Enderlein ist freiberufliche Kinder- und Jugendpsychologin und Supervisorin und Autorin des im dtv-Verlag erschienen Buchs „Große Kinder“. Das Buch versteht sich als Ratgeber für Eltern und bezieht sich auf die Zeit zwischen Schuleintritt und Pubertät (auf Kinder zwischen 6-13 Jahren). Sie ist wissenschaftliche Beraterin im Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“, und leitete die Werkstatt „Schule wird Lebenswelt“. Sie ist eine von drei Vorsitzenden der Initiative für Große Kinder e.V. 

also deutlich über die Mittagszeit hinaus? Welche Vorteile und Nachteile birgt das?

Lothar Krappmann:
Ich beginne mit den Nachteilen. Die Ganztagsschule nimmt den Kindern Zeit und das bis in den späten Nachmittag. Das ist Zeit, über die Kinder eigentlich selbst verfügen könnten. Zwar hätten Sie dann manche Pflichten, z.B. Hausaufgaben erledigen und im Haushalt helfen, aber es wäre freie Zeit, die sie disponieren könnten. Ich erinnere mich an die Worte eines Jungen, den wir in einer unserer Untersuchungen interviewt haben. Er sagte: „Naja, da komme ich um fünf nach Hause und habe überhaupt noch nicht gespielt.“ In seiner Schule bzw. im Hort hatte er jedoch gespielt und trotzdem gibt er diese Antwort. Der Grund dafür ist, dass diesem Jungen das ungebundene und unkontrollierte Sein fehlte, Zeit, in der er sich selbst den Ort aussuchen könnte, um eben zu spielen. Und deswegen sagt er: „Ich hab noch nicht gespielt“, was also irgendwie falsch ist, aber irgendwie doch etwas sehr Wichtiges zum Ausdruck bringt: Auch Kinder brauchen (Zeit-)Räume, über die sie frei bestimmen können. Damit soll nicht gegen die Ganztagsschule gesprochen, als vielmehr eine Mahnung zu ihrer Gestaltung ausgesprochen werden. Kontrolle, Überwachung zurücknehmen, stattdessen Möglichkeiten für eigene Planungen der Kinder einräumen.

Oggi Enderlein:
Kindheit hat sich sehr verändert. Studien zeigen, dass Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren häufig sagen, ihre liebste Freizeitbeschäftigung ist „rausgehen“ und „sich mit Freunden treffen“. Auf die Frage: „Wie oft kannst du das machen?“ sind es immer weniger Kinder, die dafür Gelegenheit haben. Schule scheint zunehmend der einzige Ort zu sein, wo sie sich in sicherem Rahmen treffen können. Dennoch meinen diese Kinder zu ihrer Schule: „Ich habe eigentlich Angst. Der Druck macht mir Angst.“ oder „Meine Schule ist langweilig.“ Als Ort des Lernens scheint die Schule für zu viele Kinder unbeliebt, als Ort des Treffens ist sie für immer mehr Kinder umso wichtiger. Daher also die Frage: Wie müsste denn Schule gestaltet werden, um den Kindern eigenen Freiraum zu ermöglichen? Diese Frage scheint mir umso wichtiger, weil es die „Straßenkindheit“ nur noch selten zu geben scheint. Immer weniger Kinder können sich einfach so treffen. Ist es denn denkbar, dass die Schule sich so organisiert, dass wir die Kinder sich selbst überlassen, nicht mehr immerzu aufpassen, was sie machen?

Lothar Krappmann:
Die Zeit, welche Ganztagsschule gewinnt, muss auch für das einzelne Kind ein Gewinn sein. So sollte es Räume geben, wo nicht immerzu jemand aufpasst. Doch gerade die organisierten Freiräume gelten für die Ganztagsschule als rechtliche Herausforderung. Die Schule verspricht den Eltern, für die Kinder zu sorgen.

Prof. Dr. Lothar Krappmann betreute als Soziologe und Pädagoge am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Forschungsprojekte, die soziologische Phänomene in der Schule untersuchten. Er gilt als anerkannter Forscher im Bereich Kindheit und Kinderpolitik und war Mitglied im UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes. 

Während die Gesellschaft den Eltern zutraut, den Kindern Freiräume zu geben, schaut sie skeptisch auf Lehrer und Erzieher. Dennoch ist das Kind auf privaten Raum angewiesen. Die Ganztagsschule erhebt den Anspruch auf viel Zeit, aber genügt der gesunden Entwicklung des Kindes nur, wenn auch Freiräume geboten werden.
Unsere damaligen Untersuchungen haben noch etwas anderes gezeigt. In der Kinderwelt gibt es auch „Schwachstellen“. Konflikte, die in freier Kinderwelt zu lösen sind, also Streitigkeiten, werden nur zum Teil konstruktiv bearbeitet. In Begleitung durch Pädagogen gelingt es in den meisten Fällen, auch Lösungen zu erarbeiten. Allgemeine Prinzipien wie Fairness, Gerechtigkeit, Ausgleich, Gleichheit, die werden eher angewendet und die Kinder profitieren. Auf der einen Seite brauchen Kinder Raum, um Konflikte auszutragen, sie gewinnen auf der anderen Seite in der Schule Chancen, um schneller und konstruktiver Vereinbarungen zu treffen. Die Ganztagsschule muss sich Gedanken machen, wie sie mit Freiheit und Begleitung umgeht. Es gilt, beide Bereiche zu fördern.

Oggi Enderlein:
Sie sprechen ein Thema an, das übrigens auch in einer Befragung der Industrie- und Handelskammer vor relativ kurzer Zeit wieder angesprochen wurde: Berufseinsteigern fehlt offenbar Teamfähigkeit. Ihnen fehlen darüber hinaus die sogenannten „Soft Skills“, Fähigkeiten, die es ihnen erlauben, Konflikte auf angemessene Weise zu lösen, aber auch Engagement oder Eigenständigkeit. Ich erinnere mich an eine Aussage eines Jungen: „Wir müssen in der Schule immer nur spielen.“ Darin verschlüsselt sich eine andere Gefahr für die Ganztagsschule, nämlich, dass diese sich auf die Freizeitgestaltung fokussiert und den Anspruch der Kinder untergräbt, auch herausgefordert zu werden. Kinder einer Ganztagsschule sollten ein Gefühl vermittelt bekommen: „Du bist wichtig. Du kannst etwas. Ich traue dir das zu. Ich helfe dir aber auch dabei, dass du das umsetzten kannst.“ Es geht darum, Kinder viel stärker als im herkömmlichen Schulsystem auch dazu anzuleiten, miteinander Dinge zu entwickeln. Also, wie Sie sagen, nicht nur Streit zu lösen, sondern z.B. in Projekten tätig zu sein. Ich rede von Projekten, die nicht nur in einer Woche vor den Ferien stattfinden und von Erwachsenen geleitet werden, sondern von Projekten, die auf der Basis eigener Ideen entstehen und wo es darum geht, dass etwas erreicht wird, was wirklich von Bedeutung ist. Immer wieder höre ich von Eltern, die sagen: „In den Horten wird immer nur gebastelt.“ Dieses Basteln ist ein ganz wichtiger Teil der Freizeitbeschäftigung, den man nicht abwerten sollte, weil dabei natürlich auch was gelernt wird. Aber oft werden Dinge hergestellt, die keine wirkliche Funktion haben. Ich könnte mir vorstellen, dass Ganztagsschule eine großartige Chance wäre, Kinder im Schulalter wieder mehr in die Verantwortung zu nehmen, vielleicht auch für die Gesellschaft außerhalb der Schule. Schule muss ja nicht am Schulzaun enden.

Lothar Krappmann:
Es gibt von UNICEF dieses Konzept der „Life Skills“. Dieses Konzept beschreibt die Fähigkeiten, die Schule den Kindern vermitteln sollte. Die Organisation denkt bei diesem Konzept weniger an Eltern und Kinder in unseren Ländern, als vielmehr an jene in vielen anderen Ländern dieser Welt, wo es darauf ankommt, das Überleben zu lernen. In einigen Regionen dieser Welt geht es nicht um akademische Themen, sondern vielmehr um das Leben. Damit die Schule für diese Kinder attraktiv ist, muss sie das Versprechen einlösen, dass die Kinder lernen, zu bestehen und sich darüber hinaus noch zu entwickeln. Und insofern muss die Schule sehr viel mehr aufgreifen. Anhand der Lebenssituation muss es darum gehen, den Kindern Kenntnisse und auch Fähigkeiten und Motivation zum Überleben zu vermitteln. Diesen Anspruch sollte sich auch die deutsche Ganztagsschule stellen. Aus meinen Unterhaltungen mit Kindern im Rahmen damaliger Schuluntersuchungen weiß ich, dass diese sehr besorgt sind über die Welt, in der sie leben. Da reicht es nicht zu sagen: „Kinder, Kinder, wir werden es schon machen. Wir kommen durch.“ Nein! Kinder sind geradezu entsetzt und bekommen wenig Antworten. Die Curricula pflegen Grundkenntnisse, aber bearbeiten nicht das, was die Kinder wirklich bewegt und bedrängt, nämlich eine beschädigte Umwelt, Energiefragen, moderne Kinderkrankheiten. Die Ganztagsschule gewinnt Zeit, aber eben nicht nur Zeit, sondern auch Kapazität mit Kindern diesen Fragen nachzugehen. Und insofern unterstreiche ich das, was sie gesagt haben. Die Ganztagsschule kann in anderer Art und Weise mit den Kindern arbeiten. Noch muss man es im Konjunktiv sagen: sie „könnte“. Eine Studie über Ganztagsschulen in Hamburg zeigt, dass es Schulen schwerfällt, sich von üblichen Vorgehensweisen zu trennen. Der gute Wille ist da, aber damit ist es nicht getan. Es geht um neue Routinen. Die Einführung der Ganztagsschule muss als wirkliche Aufgabe des deutschen Bildungswesens verstanden werden.

Oggi Enderlein:
Viele Eltern meinen, Schule muss Kinder befähigen, den akademischen Anforderungen gerecht zu werden. Schulen gehen auf diese Eltern ein und vermitteln ihnen, dass sie das im althergebrachten Sinne auch von der Schule erwarten können. Alle an Bildung Beteiligten, aber vor allem auch die Eltern müssen verstehen, dass es bei der Entwicklung der Kinder nicht nur um, „Lesen, Rechnen, Schreiben“ geht, sondern auch um Kompetenzen, um den Anforderungen des eigentlichen Lebens gerechter zu werden. Daraus sollte die Grundüberzeugung erwachsen: „Du bist aus eigener Kraft in der Lage, dein Leben zu meistern“, und nicht diese oft von Kindern auch aufgefasste Botschaft: „Lass die Finger von der Welt, die ist zu gefährlich. Du richtest nur Unsinn an. Setz dich erst mal auf den Hosenboden und werde etwas und dann kannst du etwas sein.“ Das ist ein Trugschluss. Die psychosomatischen Erkrankungen nehmen deutlich zu. Aggressionen und Mobbing sind immer Hinweise darauf, dass es Kindern nicht gut geht. Mir hat so gut ein Wort gefallen, das ich neulich von Jasper Jule gelesen habe, der sinngemäss sagte: „Wir gucken viel zu häufig darauf, wie sich ein junger Mensch verhält, und nicht darauf, wie es ihm geht.“

Lothar Krappmann:
Also wir müssen die Kinder genauer anschauen und mit ihnen reden und ihre Fragen ernst nehmen. Es geht um emotionale Verbindlichkeit. Die Schule muss, und das gilt jetzt nicht nur für die Ganztagsschule, Kinder akzeptieren und respektieren. Und damit komme ich zum Schlüssel für eine gute Ganztagsschule: Beteiligung der Kinder. Und darunter verstehe ich nicht nur, dass es einen Klassenrat und eine Schülervertretung gibt. Die muss es unter allen Umständen geben. Darüber hinaus sollten Kinder an allem, was in der Schule vorgeht, beteiligt sein. Lernen ist ein individueller Prozess, der sich in Gruppenprozesse einbettet. Damit ist Beteiligung die Basis und der Schlüssel des Lernens. Das steht in keinem Widerspruch zu den Curricula.
In der Kinderrechtskonvention ist der „Beteiligungsartikel“ ein sehr wichtiger Artikel und überschrieben mit „Gehör für Kinder.“ In diesem Artikel steht, dass Kinder nicht nur angehört werden, sondern dass ihre Äußerungen Gewicht haben. Genau dann wird Schule und Klassenraum ein Stück zu Hause. Das Fundament ist, dass die Kinder ernst genommen werden, wir ihnen zuhören und mit ihnen zusammen Fragen verfolgen, gemeinsam Lösungen finden und zwar für Probleme, die sie wirklich bedrängen. Dann wird die Schule ein Ort sein, an den die Kinder wirklich gerne gehen und nicht nur der anderen Kinder wegen, sondern weil sie merken, dass sie dort gedeihen und sich entwickeln können.

 

Datum: 16.04.2012
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