"Individuelle Förderung ist kein Garantieversprechen"

Prof. Dr. Eckhard Klieme

Individuelle Förderung ist eines der großen Schlagworte der aktuellen pädagogischen und bildungspolitischen Debatten. Individuell zu fördern bedeutet aber deutlich mehr als Nachhilfe für leistungsschwache Schüler. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)

Lesen Sie das vollständige Gespräch.

Wie definieren Sie individuelle Förderung?

Eckhard Klieme: Individuelle Förderung ist aus der erziehungswissenschaftlichen Perspektive etwas ganz Selbstverständliches. Sie bedeutet nichts anderes, als dass in Erziehung und Bildung jeder Einzelne, jedes Kind, jeder Jugendliche, aber auch jeder Erwachsene gemäß seiner eigenen Bedürfnisse gefordert wird. Individuelle Förderung ist also der Wesensgehalt der Erziehung. Das macht den Begriff so schillernd: sehr umfassend und komplex, aber irgendwie doch unspezifisch. Und das große Problem ist natürlich, im Alltag konkret zu sagen, was denn nun die jeweiligen individuellen Bedürfnisse ausmacht, worin der notwendige nächste Schritt des individuellen Lernprozesses besteht und wie hierzu eine passgenaue Unterstützung aussehen kann.


Was muss die Schule tun, um jedem Kind und Jugendlichen gerecht zu werden?

Eckhard Klieme: Man sollte nicht nur an das Schulsystem denken, wenn man über individuelle Förderung redet. Individuelle Förderung ist ohne eine enge Zusammenarbeit von Elternhaus, Schule, weiteren Betreuungspersonen, außerschulischen Jugendarbeit usw. gar nicht denkbar. Wenn Sie aber jetzt speziell Schule ansprechen: Hier müssen Arbeitsweisen und Lernformen verwendet werden, die möglichst viel Differenzierung erlauben. Wichtig ist: Lehrer, Erzieher und Eltern müssen genau beobachten und verstehen, miteinander sprechen, und diagnostische Instrumente wie zum Beispiel Tests nutzen, um festzustellen, wo das Kind steht, wo die Stärken und Schwächen im Unterricht liegen, wo sich vielleicht Verhaltensprobleme andeuten, und was man als nächstes für eine positive Entwicklung tun kann.


Was bringt es dem Kind bzw. dem Jugendlichen?

Eckhard Klieme: Individuelle Förderung wird wahrscheinlich dazu führen, dass Kinder und Jugendliche sich in der Schule nicht mehr langweilen. Denn eines der größten Probleme der Schule besteht darin, dass viele sich langweilen, weil es sie nicht betrifft, was dort stattfindet. Individuelle Förderung könnte zweitens dazu führen, dass sich Kinder und Jugendliche als Personen wahrgenommen und akzeptiert fühlen mit dem, was sie können und was sie brauchen. Drittens wäre zu hoffen, dass Schule durch individuelles Fördern erfolgreicher wird.


Geht mit individueller Förderung ein Garantieversprechen einher?

Eckhard Klieme: Genau darin liegt ein Problem. Es wird manchmal in der pädagogischen und politischen Öffentlichkeit so getan, als sei individuelle Förderung der Schlüssel zu allem.
Wie ich eingangs sagte, ist diese Meinung in gewisser Weise berechtigt: Individuelle Förderung ist in der Tat der Kern von Erziehung, und wenn individuelle Förderung gelingt, dann ist Erziehung gelungen. Aber nur durch den Begriff individuelle Förderung sind wir nicht weiter. In dem Moment, wo wir eine konkrete Situation haben, ein konkretes Kind, eine konkrete Klasse, da stellen sich all die Probleme konkret und müssen beantwortet werden.

Wird Schule durch individuelle Förderung tatsächlich gerechter?

Eckhard Klieme: Wir können viel erreichen und ich denke, dann wird Schule insofern gerechter, als wirklich auf die Situation der Einzelnen eingegangen wird. Eines sollte beim Stichwort Bildungsgerechtigkeit allerdings auch klar sein: Individuelle Förderung führt nicht automatisch dazu, dass Unterschiede ausgeglichen oder kompensiert werden, sondern man muss damit rechnen, dass ein gute individuelle Förderung bestehende Unterschiede noch vergrößert. Aber an einer guten Schule ist das kein Problem, weil Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Begabungen und unterschiedlichen Interessen akzeptiert und wertgeschätzt werden und viele gemeinsame Berührungspunkte haben.

 

Datum: 01.02.2012

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