Freiarbeit schon am Vormittag

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Die Lateinlehrerin, Frau Stepanik, hätte es wohl gern gesehen, dass sich beim Projekt „Latein heute“ eine Untergruppe mit dem Thema „Pflanzennamen“ und z.B. der Frage beschäftigt hätte, warum Carl von Linné dem Gänseblümchen den Namen „bellis perennis“ gegeben hat. Aber die Schüler kamen auf andere Ideen. Jetzt gibt es eine große Gruppe, die der Frage nachgeht, wie viele Tochtersprachen die Mutter Latein hat und wo sie gesprochen werden? Eine andere Gruppe versucht herauszufinden, warum Latein nicht mehr gesprochen wird? Und ein Schüler macht sich Gedanken darüber, welche Bedeutungen hinter den aus dem Lateinischen entnommenen Produktnamen und Firmenlogos stecken.

Solche Fragestellungen bearbeiten Schüler einer 8. Klasse des Veit-Ludwig-von-Seckendorff-Gymnasiums in Meuselwitz, Thüringen, nicht nur im Klassenzimmer. Die Schule nimmt am „Labor Lernkultur“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung teil und erprobt die Arbeit mit dem Lernportal SCHOLA-21, in dem die Schüler den Computer und das Internet als virtuelle Lernumgebung nutzen und Projektarbeit und Lernvorhaben selbständig planen. Auch die Lehrerin lernt viel über Projektorganisation und entsprechend verändert sie ihre Rolle. Nicht nur, dass sie bei der Themenwahl überstimmt werden kann, sondern sie hat auch keine lehrende und leitende Funktion mehr, eher eine beratende und moderierende, die so aussehen kann, dass sie abends ins Netz und auf die Plattform von SCHOLA-21 geht und sich die Logbücher anschaut, in denen die Schüler  ihre Such-, Lern- und Planungsprozesse beschreiben. Manchmal schickt sie dann eine Mail an die Mitglieder einer Expertengruppe.  Auch die Schüler können natürlich von zu Hause aus auf die Plattform zugreifen. Zu Beginn hätten sie sich eingeloggt, um in gewohnter Weise zu chatten, da sei sie doch sehr skeptisch gegenüber dieser neuen Lernform gewesen, erinnert sich die Lehrerin. Inzwischen wären alle mit Feuereifer bei ihren Recherchen zu den selbst entwickelten Fragen, und sie selbst zöge manchmal den Besuch der Plattform einem Krimi im Fernsehen vor.

Ende April 2010 ist das Veit-Ludwig-von-Seckendorff-Gymnasium Gastgeber für die  Fortbildung „Lernkultur im Ganztag entwickeln“, bei der diese Schule anderen Thüringer Ganztagsschulen u.a. ihre Arbeit mit der Internetplattform SCHOLA-21 vorstellen wird.

Europäisch denken – regional handeln

Das Gymnasium in Meuselwitz ist eines von fünf Thüringer Gymnasien, die den Titel „Europa-Schule“ tragen dürfen. Das europaorientierte und interkulturelle Bildungsprofil zeigt sich in einem erweiterten Fremdsprachenangebot; neben Englisch als erster Fremdsprache wird wahlweise Französisch, Russisch und Latein als zweite bzw. dritte Fremdsprache unterrichtet. Italienisch und Spanisch können in Arbeitsgemeinschaften erlernt werden.

Über die Arbeit mit Sprachportfolios und das Portfolio „Fit für Europa“ besteht die Möglichkeit, das Europa-Zertifikat zu erwerben. Schulpartnerschaften nach Frankreich, Großbritannien, Polen,  Schweden und besonders nach Ungarn und Italien erweitern den Blick über Landesgrenzen hinaus und helfen Toleranz und Verständnis für andere Lebenswirklichkeiten entwickeln. Innerhalb der eigenen Schule gibt es wenig Gelegenheit,  Mitschüler aus anderen Herkunftsländern kennenzulernen.

Meuselwitz ist eine thüringische Kleinstadt im Landkreis Altenburger Land, 5 km von der Grenze zu Sachsen und 5 km von der zu Sachsen-Anhalt entfernt. Wo früher Braunkohleabbau betrieben wurde und heute 20% Arbeitslosigkeit herrscht, sind jetzt vor allem eine Eisengießerei, eine Maschinenfabrik und eine Computer-Firma  Arbeitgeber  für die Region Meuselwitz und Kooperationspartner für die Schule. Nicht nur, dass dort Plätze für das Betriebspraktikum der 10. Klassen zur Verfügung gestellt werden, in der Gießerei findet eine Kunst-AG statt, und die Firma „Bluechip“ bietet Business-Englisch und Bewerbungstraining in der Schule an.

Wenn im kommenden Schuljahr im Zuge der Einführung der gebundenen Ganztagsklassen im Jahrgang 5 auch eine Sportförderklasse für Fußball und Volleyball eingerichtet wird, unterstützt der ZFC Meuselwitz diese mit Trainerstunden, so dass auch Mädchen für diese Sportarten gewonnen und begeistert werden können. Außer der schuleigenen steht der Schule eine gut ausgestattete städtische Halle für Sportveranstaltungen zur Verfügung. Auch im Freizeitbereich ist die offene Schule im Austausch mit der geöffneten Stadt. Im Städtischen Jugend- und Freizeitzentrum können die Schüler Feste feiern und z.B. an Kochkursen teilnehmen.

Vernetzung in die Kommune

Die wachsende Vernetzung mit anderen Einrichtungen in der Kommune entspricht den Zielen des Thüringer Bildungsmodells  „nelecom – Neue Lernkultur in Kommunen“. Es ermöglicht Partizipation und Verantwortungsübernahme von Kindern und Jugendlichen in der Kommune, baut eine Lernkultur auf, die die regionale Identität betont, und treibt die Vernetzung von Bildungseinrichtungen mit Partnern in den  Kommunen voran. Auch in diesem Modell wird die Schule von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung unterstützt, wenn sie z.B. eine Delegation aus dem Kollegium nach Berlin zur Hospitation an der Evangelischen Schule Berlin-Mitte schickt, um Einblick in deren Arbeit in Lernbüros und fächerübergreifenden Projekten zu nehmen und sich weiterführende Anregungen für die Entwicklung einer stärker auf Selbstbestimmung und Individualisierung basierenden Lernkultur zu holen. Was früher in der Schule verpönt war und unter Umständen auch bestraft wurde, in der Schulentwicklung ist es ausdrücklich gewünscht: beim unmittelbaren oder ferneren Nachbarn abzugucken bzw. ihn abgucken zu lassen, welche Innovationen im Bereich des selbständigen und eigenverantwortlichen Lernens der entwickelt hat. 

Auf dem Weg zu einer neuen Lern- und Feedbackkultur

Diese professionelle Neugier führte die Meuselwitzer Kollegen und ihren Berater von der Service-Agentur, Ray Wille auch ins Gymnasium Neuhaus am Rennweg, das Pate steht für die „Daltonisierung“ des Veit-Ludwig-von-Seckendorff-Gymnasiums. Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich eine Lernkultur, die von den beiden Reformpädagoginnen Helen Parkhurst und Maria Montessori schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den Prinzipien Wahlfreiheit, Verantwortung, Zusammenarbeit und Selbsttätigkeit umrissen wurde.

Schulleitung und Ray Wille (rechts) von der Serviceagentur Thüringen

Nachdem Erfahrungen mit selbständigem Lernen in der Frei- und Wochenplanarbeit und der Beschreibung von kompetenzorientierten Lernzielen an der eigenen Schule vorliegen,  plant eine motivierte Gruppe von Kollegen die nächsten Schritte. Dazu gehört die Entwicklung von fächerverbindenden Pensen.
Da bei veränderten Lernformen unausweichlich auch andere Formen der Leistungsüberprüfung und - bewertung mitgedacht werden müssen, arbeitet die Schule schon längere Zeit an einer neuen Feedbackkultur. Das bedeutet, dass neben der prozessbezogenen und zeitnahen Rückmeldung an die Schüler während der Lernzeiten, auch Kompetenztests geschrieben werden. Beides ist Grundlage für die zweimal im Jahr erstellten umfassenden schriftlichen Einschätzungen der Kompetenzentwicklung für jeden einzelnen Schüler, die dem Zeugnis beigelegt  und in gemeinsamen Gesprächen zwischen Eltern, Schülern und Lehrern ausgewertet werden. Sie münden in Vereinbarungen zu den im jeweils folgenden Halbjahr angestrebten Zielen. Mit der Erarbeitung der Pensen in Anlehnung an den Daltonplan wird auch in diesem Bereich der Konzeptentwicklung eine fortschreitende Konkretisierung der Ziele  und Verantwortungsübernahme für deren Realisierung durch alle Beteiligten erfolgen.

Auf dem Weg zum Lernen im Ganztag

Das Gymnasium in Meuselwitz wird von ca. 300 Schülern aus Meuselwitz, Lucka und angrenzenden Gemeinden besucht. Aufgrund seiner Lage im Dreiländereck gehören auch Schüler aus den angrenzenden Bundesländern zur Schülerschaft. Die Räumlichkeiten der Schule sind auf zwei Gebäude verteilt, zwischen denen ein kurzer Fußweg liegt. Seit 2007/08 bietet die Schule den Schülern der 5. und 6. Klassen die Möglichkeit der Teilnahme an der offenen Ganztagsschule, die in dem kleineren der beiden Gebäude untergebracht ist. Derzeit sind außer den Ganztagsklassen noch die Sprachklassen in der Filiale untergebracht. Zwar ist dieses Gebäude noch nicht so gründlich renoviert und von seiner Bausubstanz her so schön wie das Hauptgebäude, aber die Ausgestaltung der Klassenräume, die vor allem von der Kunst-AG unterstützt wird, ist beeindruckend. In beiden Häusern wird ein preiswertes Mittagessen angeboten; dennoch gibt es noch viele Schüler, die mittags kurz nach Hause gehen und dort ihr Mittagessen einnehmen.

Zunächst war die Gruppe der Lehrer, deren Ziel der Ausbau des Ganztagsbereichs zu einer gebundenen Ganztagsschule ist, relativ klein. Nach der Einführung von Blockstunden vor zwei Jahren sind auch die einstmals eher skeptischen Kollegen von den positiven Auswirkungen der Umgestaltung des Stundenplans  überzeugt und stehen der Einführung der gebundenen Ganztagschule, die im kommenden Schuljahr mit den neuen fünften Klassen beginnt, positiv gegenüber. Der bisherige Ablauf des Schultages mit sechs Stunden Unterricht, Mittagspause  und anschließenden Arbeitsgemeinschaften sowie Hausaufgabenbetreuung wird dann abgelöst durch eine Rhythmisierung von Anspannungs- und Entspannungsphasen, intensiver Lernzeit und Freiarbeit zwischen 7.35 Uhr und 15.15 Uhr. Mit Rücksicht auf die Schüler, die in entfernteren und abgelegenen Dörfern wohnen und nach Schulschluss noch die öffentlichen Busse erreichen müssen, endet der Schultag verhältnismäßig früh. Für die Einbeziehung von Arbeitsstunden, die mit Beratung und Begleitung durch Fachlehrer die Hausaufgaben weitgehend in die Schule zurückholen, können die Meuselwitzer Kollegen auf Best-practice-Beispiele aus anderen Gymnasien, die am „Labor Lernkultur“ teilnehmen, zurückgreifen.

Auf dem Weg in die Welt der Medien

Die Arbeit mit neuen Medien ist in die Unterrichtsarbeit der Schule seit langem integriert.
Es stehen gut ausgestattete Computer-Kabinette zur Verfügung, die die Schüler für ihre Recherchen und zur Vorbereitung von Präsentationen nutzen können. Den Umgang mit den Medien lernen die Schüler in den Fächern Medienkunde und ITG, die von Fachkollegen an der Schule in Zusammenarbeit mit der Medienstelle und manchmal auch außerschulischen Experten unterrichtet wird. Wenn die Schüler ihre Jahresarbeit zu einem fächerübergreifenden Thema im frei gewählten „Seminarfach“ erarbeiten und diese dann vorstellen, gehört zur Leistungsbeurteilung nicht nur die Qualität des Inhaltes, sondern auch die Qualität der Präsentation im Colloquium: Gab es eine Power-point-Präsentation? Gab es ein Thesenpapier? Wie war der Raum ausgestattet? Welche Medien wurden wie  eingesetzt! Es geht ja schließlich um Einführung und Übung des wissenschaftlichen Arbeitens. Ob die Bewertung der Seminararbeit in das Abiturzeugnis aufgenommen werden soll, entscheidet der Schüler vor der Prüfung.

Überhaupt wird an dieser Schule von Schülern und Lehrern der Frage, welche Arbeitsformen, welche Methoden unterstützen am besten das Lernen des Lernens eine große Aufmerksamkeit gewidmet. Das zeigt sich auch darin, dass jeder Schüler gleich zu Beginn seines Schulbesuchs an dieser Schule, also in der 5. Klasse, mit Lern- und Arbeitstechniken vertraut gemacht wird, die ihm die Organisation und Steuerung seines individuellen Lernprozesses erleichtern. Dazu gibt es einen Methodenhefter und eine Sammlung hilfreicher Tipps zum routinierten und ritualisierten Umgang mit seinen Materialien, der Schultasche, dem schulischen und dem häuslichen Arbeitsplatz.

Dass man es bei dieser Schule mit einer „lernenden Organisation“ zu tun hat, wird in Gesprächen mit Kollegen und der Schulleiterin deutlich. Diese weist stolz darauf hin, dass es kaum Fluktuation im Kollegium gibt, die auf motivationale Gründe zurückzuführen wäre. Sie selbst hat auch nach mehr als 30 Jahren Lehrertätigkeit und fast 20 Jahren Schulleitungserfahrung die Lust auf Neues nicht verloren. 
So wie der äußere, bauliche Renovierungsprozess noch nicht abgeschlossen ist - im Hauptgebäude ist noch eine Cafeteria und eine Bibliothek in Planung, das Ganztagsgebäude und das dazugehörige Außengelände müssen noch komplett renoviert werden -, so ist auch der Prozess der inneren Erneuerung eine offene Baustelle.

 

Datum: 19.05.2010
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