Zusammenhang von Bewegung und Lernen

 

Lernen braucht Bewegung - Kritik an der PISA-Studie

Scharfe Kritik an den Ergebnissen der PISA-Studie kommt von Kinderärzten und Sportmedizinern:

„PISA lässt die ganzheitliche Bildung junger Menschen weitgehend unberücksichtigt", klagt der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, Prof. Alfred Wirth. Die körperliche und psychosoziale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen sei aber ebenso wichtig. Kinder, die ihren Bewegungsdrang ausleben könnten, lernten viel besser als ihre „unbewegten" Mitschüler. Eltern, Lehrer und Politiker werden in einer Resolution aufgefordert, den Kindern mehr Bewegungsmöglichkeiten zu schaffen.

 

Der Göttinger Sportwissenschaftler Prof. Jürgen Schröder betont, es könne nicht angehen, dass man Kleinkindern mühsam das Laufen und Sprechen beibringe, um ihnen dann in der Schule zu befehlen, stillzusitzen und den Mund zu halten. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge besteht ein enger Zusammenhang zwischen intellektueller Fähigkeit und aktivem Bewegungsdrang. Erst die körperliche Bewegung ermöglicht Verschaltungen im Gehirn, die zu einer Steigerung der Hirnaktivitäten und damit zu höherer Leistungsfähigkeit führen.

Experten sehen in der zunehmenden Bewegungslosigkeit der nachwachsenden Generation einen der Gründe für die schlechten Ergebnisse der PISA-Studie. „Kinder und Jugendliche waren körperlich noch nie so inaktiv wie heute", heißt es in der Resolution von Sportmedizinern und Kinderärzten. In Deutschland haben nach ärztlichen Schätzungen 20 Prozent der Kinder Übergewicht, 60 Prozent leiden an Haltungsschäden, 40 Prozent haben Koordinationsprobleme und 25 Prozent leiden an Herz- und Kreislaufschwächen.

Die Sportmediziner und Kinderärzte kritisieren die stiefmütterliche Behandlung des Sportunterrichts in der Schule. Bewegungsaktivitäten müssten in unserer Gesellschaft einen höheren Stellenwert bekommen. In Kindergärten und Schulen müssten tägliche Bewegungszeiten Teil des Stundenplans werden. „Eltern müssen mit ihren Kindern wieder mehr spielen und toben", fordern die Experten. Auch Sportwissenschaftler schlagen Alarm: Die Kinder in Deutschland haben eine zunehmend schlechtere Kondition. „Unsere Kinder werden immer schlapper", sagte der Leiter des Instituts für Trainingstherapie und medizinisches Gesundheits-management „Physiotec", Harald Maier, der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Frankfurt.

Das Institut misst seit 1996 die sportlichen Leistungen von Schülern aus dritten und vierten Klassen und vergleicht sie mit Untersuchungen aus früheren Jahren. Demnach sprangen Elfjährige 1999 im Durchschnitt 16 Zentimeter oder zehn Prozent weniger weit als 1974. Verglichen wurden Messungen von rund 80 Kindern aus Köln mit 126 aus Frankfurt. Kinder, die in ihrer Freizeit Sport trieben, sprangen bei den Tests weiter als Schüler ohne Freizeitsport.

 

Hauptursache für die schlechteren sportlichen Leistungen ist Maier zufolge der Bewegungsmangel: „Kinder sitzen zu viel, bewegen sich zu wenig und sind zu dick." In der Folge lässt die Kondition der Mädchen und Jungen rapide nach. Insgesamt hat das Institut seit 1996 rund 650 Kinder an Schulen im Rhein-Main-Gebiet untersucht. Erfasst werden dabei nicht nur der Wert in Weitspringen, sondern auch Kraft und Beweglichkeit des Rückens und des Bauches. Dabei zeigt sich Maier zufolge ganz klar: „Die Kräfte lassen nach."

 

Dieses Ergebnis sei unabhängig vom Gewicht: „Auch schlanke Kinder sind nicht mehr in der Lage, sportliche Leistungen zu bringen, die früher üblich waren." Zwar wächst der Anteil übergewichtiger Kinder in Deutschland, doch nach Maiers Beobachtung schreitet die Entwicklung nicht so schnell voran wie die Kondition und die Beweglichkeit nachlassen.

Leitideen Gesundheitsförderung und Bewegung

Das Fach Sport ist als Fach in allen Schulformen und Schulstufen präsent und leistet darüber hinaus einen zentralen Beitrag zur Schulentwicklung und Schulprogrammarbeit einzelner Schulen, die sich als bewegte Schulen verstehen. Beide Leitideen Gesundheitsförderung und Bewegung, Spiel und Sport in der Schule erhalten zusätzlich dadurch Sinn und Bedeutung in schulischen Kontexten, dass der Gesundheitsstatus unserer Kinder und Jugendlichen sich zunehmend verschlechtert. Entwicklungsstörungen und Lernstörungen, die wesentlich durch Bewegungsmangel, fehlende Entwicklungsimpulse und falsche Ernährung bedingt sind, sind nur über Projekte und Initiativen der Gesundheitsförderung und Bewegung Spiel und Sport in der Schule auszugleichen bzw. über solche Impulse präventiv anzugehen.

In einer sich rasant verändernden Schullandschaft, in der Rahmenbedingungen und Bildungsauftrag von Schulen neu bedacht bzw. formuliert werden, um unsere Kinder und Jugendlichen für ihre und die Zukunft der Gesellschaft optimal auszubilden, werden auch die Bedeutung und der Stellenwert von Bewegung Spiel und Sport sowie der der Gesundheitsförderung in der Schule neu akzentuiert werden. Diese Entwicklung trifft das Bemühen beide Leitideen tiefer in Unterricht zu verankern und an das Lernen in Fächern heranzurücken, z.B. nicht nur über gemeinsame und spezifische Themen, sondern auch über gemeinsame Leitgedanken zu Lehren und Lernen in den Fächern.

 

Bewegung spielt in diesem Bemühen eine zentrale Rolle, da nicht nur in der Unterrichtspraxis vielfach beobachtet werden kann, welchen Stellenwert bzw. welche Effekte Bewegung für die Rhythmisierung von Lernprozessen hat, sondern auch, weil aktuelle lerntheoretisch geprägte Forschungen zunehmend Belege dafür liefern, dass Bewegung für nachhaltiges und effektives Lernen in den Fächern zentrale Bedeutung zukommt. Dabei gehen diese Forschungsansätze von einem sehr weitgefassten Bewegungsbegriff aus, der alle Formen der Beteiligung motorischer Systeme in der Handlungssteuerung umfasst.

Lernerorientierung - Wohin geht die Reise in unserem Schulsystem?

Die Beteiligung an den großen internationalen Schulleistungsstudien hat auch für NRW zu einer Neuorientierung in der Bildungspolitik hin zu einer ergebnisorientierten Schul- und Unterrichtsentwicklung geführt.Vor dem Hintergrund neu entwickelter bzw. neu zu entwickelnder Fachlehrpläne für alle Schulstufen und Schulformen, die sich in Doppeljahrgangsstufen an zu erreichenden Mindeststandards orientieren, werden Schulen über zentrale Lernstandserhebungen zusätzliche Möglichkeiten eröffnet, sich zu vergleichen und eine Standortbestimmung vorzunehmen.

Ziel der Maßnahmen ist, kontinuierlich und auf unterschiedlichen Ebenen die Qualität schulischer Arbeit zu dokumentieren und weiterzuentwickeln, um Lernerorientierung und individuelle Förderung als zentrale Ziele ergebnisorientierter Unterrichtsentwicklung umzusetzen. Zunehmend selbständiger werdende Schulen erhalten auf diesem Wege regional und zentral Unterstützung in ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung über Beratungsangebote und konkrete Unterstützung, die auch z.B.Handreichungen für die schulische Unterrichtsentwicklung einschließen.

Herausforderungen

Die Gesundheitsförderung und Bewegung Spiel und Sport in der Schule stehen als Leitideen für Schul- und Unterrichtsentwicklung deshalb künftig vor neuen Herausforderungen, die sich über vier Thesen definieren lassen:

Die bildungspolitischen Weichenstellungen zur ergebnisorientierten Unterrichts- und Schulentwicklung bergen die Gefahr einer Reduzierung auf Standards für Rankings, Wiegen, Messen, Vergleichen und Sortieren.
„Gesundheitsförderung" und „Bewegung Spiel und Sport" können in der Diskussion mit ihren Inhalten, didaktischen Orientierungen und unterrichtspraktischen Verfahren entgegenstehen.

Um dies zu reduzieren, brauchen wir in der Unterrichtsentwicklung Lernarrangements und Konzepte konsequenter Lernerorientierung sowie Instrumente und Konzepte individueller Förderung.
Projekt- und themenorientierte Zugänge und Lernarrangements von „Gesundheitsförderung" und „Bewegung, Spiel und Sport" können hier Beiträge anbieten und Entwicklungsimpulse setzen.

Die Gesundheitsförderung bietet mit ihrem Bildungsverständnis, mit Salutogenese, Kohärenzsinn (Bewältigbarkeit, Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit) und Empowerment Ziele und Leitlinien zur Gestaltung entsprechender Lernarrangements und Förderkonzepte, die auch in Schulpraxis wirksam geworden sind. Die unter den Leitideen von „Gesundheitsförderung" und „Bewegung, Spiel und Sport" entwickelten Arbeitsweisen (schüleraktivierende Unterrichtsformen, Projektarbeit, Formen entdeckenden und selbständigen Lernens) Themen und Zugehensweisen bieten hier Potenziale, die im Kontext allgemeiner Unterrichtsentwicklung genutzt werden können.

Zusammenhang von Bewegung und Lernen nutzen

 

Ergebnisse aktueller Lernforschung unterstreichen die Notwendigkeit der Individualisierung von Lernangeboten, ganzheitlicher Lernarrangements und wertschätzender zugewandter Beziehungsstrukturen im Lernprozess. Dies wird wirksam in Handlungsroutinen von Planung, Durchführung und Auswertung von Unterricht, in Methodeentscheidungen und Lehrer-Schülerinteraktion.
Die unter den Leitideen von „Gesundheitsförderung" und „Bewegung, Spiel und Sport" entwickelten Zugänge und Arbeitsweisen können dazu beitragen, lerntheoretische Erkenntnisse zum Zusammenhang von Bewegung und Lernen für Lernprozesse aller Fächer zu nutzen.

 

Quelle: Harald Melching, Schulsportentwicklung NRW, Landesinstitut für Schule/Qualitätsagentur, Soest und "Teachers News"

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Zusammengestellt: Sabine Schweder
Datum: 13.05.2006
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