Von Hausaufgaben zu Lernzeiten

„Ganztagsschule und Hausaufgaben“ scheinen allein von der Begrifflichkeit her nicht zusammen zu passen. Wenn Schüler/innen den ganzen Tag in der Schule sind, müsste nach Schulschluss keine Erledigung schulischer Tätigkeiten mehr erfolgen dürfen. Formelles Lernen findet in der Halbtagsschule am Vormittag im Unterricht und am Nachmittag zuhause (Hausaufgaben) statt. In der Ganztagsschule lernen und leben die Schüler/innen den ganzen Tag in der Schule.

Aus Hausaufgaben werden Lernzeiten in der Ganztagsschule. Das gelingt gut, wenn der Schultag in Phasen von Anspannung und Entspannung gegliedert wird, die die Bedürfnisse der Schüler/innen berücksichtigen (vgl. Kapitel 2). Aufgabe der Lehrer/innen ist es dabei, einen Weg zu finden, dass die Schüler/innen während der Lernzeiten im Ganztag ihre Aufgaben erledigen können.

Hausaufgaben sind überflüssig

Das Thema Hausaufgaben wurde und wird gerade mitder Umwandlung von Halbtagsschulen in Ganztagsschulen kontrovers diskutiert. Die persönlichen Einstellungen zu Hausaufgaben reichen dabei von „unerlässlich“ bis zu der Einstellung „Hausaufgaben gehören abgeschafft, sie sind überflüssig“. Konsensfähig ist jedoch die Aussage, dass den Schüler/innen das Erledigen von Hausaufgaben nach einem Unterrichtstag mit sieben Zeitstunden und mehr im Grunde nicht zumutbar ist, um ihre Kinder- und Jugendzeit nicht gänzlich zu „verschulen“.

Seit Pisa wissen wir, dass der Erfolg einer schulischen Ausbildung sehr stark von der Bildungsaffinität des Elternhauses abhängt. Auf die Hausaufgaben bezogen bedeutet es, dass den Kindern ungleiche Hilfestellung bei den Hausaufgaben zuteil wird. Schwächere Schüler werden benachteiligt, besonders, wenn sie aus bildungsfernen Elternhäusern kommen. Darüber hinaus wünschen sich Eltern mehrheitlich schulische Hausaufgabenbegleitung1, damit das Konflikt beladene Thema Hausaufgaben von den Familien fern gehalten wird.

Wir wissen, dass Hausaufgaben von vielen Schüler(inne)n in der Sekundarstufe I oft genug eher widerwillig, oberflächlich, unvollständig, mechanistisch angefertigt, wenn nicht gar von Mitschüler(inne)n abgeschrieben werden, dass Hausaufgaben häufig nicht so gestellt sind, dass sie von allen Schüler(inne)n verstanden werden und dem Lernvermögen der einzelnen Schüler/innen angepasst sind. Der erhoffte und bewirkte Lernerfolg bleibt so fragwürdig. Hinzu kommt es in der täglichen Unterrichtspraxis immer wieder vor, dass im Allgemeinen die Hausaufgaben der Schüler/innen aus „Zeitmangel“ nicht ausreichend gewürdigt werden, da neuer Unterrichtsstoff bearbeitet werden muss. Es kann auch nicht verhindert werden, dass falsche Lösungen und Lösungswege unkorrigiert stehen bleiben und möglicherweise verinnerlicht werden.

Qualitätsmerkmale

Die begleitende Wissenschaft kommt zu folgenden Ergebnissen: Aktuelle Untersuchungen zeigten, dass es auf die Qualität von Hausaufgaben, ihre Einbindung in den Unterricht und auf die Qualität der Hausaufgabenbegleitung ankomme und die Kontroverse “Pro-Contra- Hausaufgaben“ ausgedient habe. Damit müsse der differenzierteren Frage nach Qualitätsmerkmalen einer guten und effektiven Hausaufgabenpraxis nachgegangen werden (vgl. Lipowsky 2007).

Lipowsky zeigt in seiner Untersuchung keine oder sogar negative Zusammenhänge zwischen der aufgewendeten häuslichen Arbeitszeit und der Schulleistung. Weiter stellt er fest, dass mit einer Steigerung der häuslichen Lernzeit keine zusätzlichen schulischen Leistungseffekte zu erwarten sind und dass die Arbeitshaltung der Schüler/innen in der Regel nur in die bereits bestehende Richtung gefördert, aber nicht geändert wird. Deshalb müssten Hausaufgaben nach Leistungsstärke der Schüler/innen differenziert werden.

Leistungsförderlich ist laut Lipowsky allein das inhaltliche Feedback, das Aufgreifen und Bearbeiten der Denkund Lösungswege der Schüler/innen im Unterricht. Unter dem Aspekt der Funktion von Hausaufgaben sind die „Unterricht vorbereitenden Hausaufgaben“ (Informationsbeschaffung, Befragungen, Recherchen, etc.) den „nachbereitenden Hausaufgaben“ (Wiederholen, Üben, Vertiefen, etc.) in ihrer Wirkung auf Leistung überlegen. Trautwein bestätigt, dass die Wirkung von Hausaufgaben nicht nur von der Zeit sondern auch von Motivation und Konzentration und damit vom häuslichen Umfeld abhängig ist (vgl. Trautwein u. a. 2007). Er stellt einen positiven Zusammenhang her zwischen häufiger Vergabe von Hausaufgaben und Leistungszuwachs und zeigt auf, dass Schüler/innen, die Hausaufgaben sorgfältig erledigen, besser abschneiden als Schüler/innen, die weniger sorgfältig arbeiten. Bei letzteren habe Kontrolle z. B. von Seiten der Lehrkräfte eine stärkere Wirkung.

Hausaufgaben gehören auf den Prüfstand

Die herkömmliche Hausaufgabenpraxis gehört also auf den Prüfstand. Hausaufgaben an sich sind nicht schon leistungsfördernd. Erst die Qualität der gestellten Aufgaben und das individuelle Feedback der Lehrer/innen auf die Bearbeitung der Aufgaben führen zum Ziel. Einige Qualitätsmerkmale von Lernzeiten (Hausaufgaben)aus QUIGS2 (Qualitätsentwicklung in Ganztagsschulen)

  • Konzeptionelle Grundlage
  • Absprachen im Kollegium/Jahrgangs-/Klassenteam
  • festgelegte Regeln und Rituale
  • förderliche Raumatmosphäre und –ausstattung
  • Gruppengröße und –differenzierung
  • Verzahnung von Unterricht und Lernzeiten
  • Absprachen mit Eltern
  • Berücksichtigung individueller Aktivitätsrhythmen der Kinder
  • Kenntnisse von Entwicklungspsychologie, Lernpsychologie und Lernbegleitung

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Autoren: Herbert Boßhammer, Gerda Eichmann-Ingwersen, Birgit Schröder

Datum: 19.08.2010
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