Pestalozzischule Eisenberg

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„Förderung ist nicht delegierbar!“

Die Pestalozzischule Eisenberg

 

Hier wird mit dem Mythos aufgeräumt, dass Lernen am besten in homogenen Gruppen geschieht. Hier wird ernst gemacht mit dem Anspruch, Schule  für alle Kinder zu machen, also differenzierte und individualisierte Angebote für die unterschiedlichsten Lernbedürfnisse bereitzuhalten oder zu entwickeln. Hier führt ein Schulleitungsteam vor, dass zwar die Förderung der Kinder nicht delegierbar ist, wohl aber vieles, das getan werden muss, um die nötigen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Förderung zu schaffen.

Schule für alle

Die fünfzügige öffentliche Grundschule mit Ganztags- und Halbtagsklassen befindet sich dort „wo die Pfalz am höchsten ist“ – im Donnersbergkreis. Ihr Schulgebäude liegt in der Verbandsgemeinde Eisenberg. Das fast hundert Jahre alte, sensibel renovierte Jugendstilgebäude thront über der Stadt, und wenn man im erst vor kurzem ausgebauten Dachgeschoss aus den Fenstern schaut, hat man einen Überblick nicht nur über den Ort, sondern weit hinaus in die Umgebung, bis zu den Klebsandvorkommen, dem Tonabbau und der Eisengießerei, die Eisenberg zu einem Industriestandort gemacht haben. Von den Schülern, die diese einzige Grundschule am Ort besuchen, kommen viele aus Elternhäusern, in denen nicht überwiegend Deutsch gesprochen wird, oder sie leben in einem SOS-Kinderdorf in der Nähe, einem Durchgangsheim für Spätaussiedler oder einem  Kinderheim. Was die Heterogenität und soziale Herkunft der Schüler betrifft kann also von einer „Schule im sozialen Brennpunkt“ gesprochen werden, auch wenn der idyllische Pfälzer Wald ganz in der Nähe ist.

Schule – ein Team

Nicht nur die Schülerschaft ist heterogen zusammengesetzt, auch das pädagogische Personal. In den Klassenteams, in denen maximal drei Personen ein festes Team bilden, das die meiste Zeit des Tages für eine Klasse verantwortlich ist, arbeiten Lehrer, Sozialpädagogen und Förderschulpädagogen zusammen. Da die Schule aufgrund ihrer integrativen Arbeitsweise „Schwerpunktschule für beeinträchtigte Kinder in Rheinland-Pfalz“ ist, sind in vielen Klassen zwei bis drei Kinder mit diagnostiziertem sonderpädagogischen Förderbedarf. Um die individuellen Lernbedürfnisse aller Kinder  zu berücksichtigen und ihre personale, soziale und intellektuelle Kompetenz zu entwickeln, ist jeder Tag so rhythmisiert, dass  in der Mehrzahl der Aktivitätsphasen, die sich mit Phasen der Entspannung und der Ruhe  abwechseln, mindestens zwei, bei besonderen Angeboten auch drei Pädagogen zusammenarbeiten. Teamarbeit wird groß geschrieben. Die Kommunikationsstrukturen im Kollegium sind so flexibel und bedarfsorientiert angelegt, dass an Stelle vieler Gesamtkonferenzen innerhalb eines Schuljahres regelmäßig gruppen- und aufgabenbezogene Teambesprechungen stattfinden, in denen der Unterricht geplant und ausgewertet wird, die Förderpläne für einzelne Schüler gemeinsam erarbeitet, zeitnah besondere  Problemlagen im Leben der Kinder besprochen sowie Gespräche zum Erfahrungsabgleich mit außerschulischen pädagogischen Einrichtungen und therapeutischen Praxen geführt werden.

Bildungs- und Erziehungspartner

Bei der Gestaltung der Schule als Lebens- und Erfahrungsraum tragen die Pädagogenteams mit ihren wichtigsten Erziehungspartnern, den Eltern, gemeinsam Verantwortung für das Wohlergehen und die Entwicklung der ihnen anvertrauten Kinder. Die Mitwirkung der Eltern beschränkt sich nicht, wie oft üblich, auf das Kochen und Backen für Feste im Jahreslauf, sie ist vielmehr fester Bestandteil des Tageslaufs. Beginnend mit der Erstellung und Ausgabe des leckeren gesunden Frühstückbuffets, das ab neun Uhr in ansprechender Form präsentiert  auf allen vier Etagen angeboten wird, setzt sich die Mitarbeit von Eltern fort, indem sie regelmäßig als Lesepaten, Computereltern und Unterstützer in den nachmittäglichen Ganztagsschulwerkstätten – wie hier die AGs heißen - mitwirken oder ihr besonderes Fachwissen in den Unterricht einbringen sowie im Schulalltag mit großer Selbstverständlichkeit in den offenen Klassenräumen mit den offenen Lernformen, die auch die großen hellen Flure nutzen, ein und aus gehen.

 

Die Renovierung der ehemaligen Hausmeisterwohnung, durch die drei wunderschöne Räume, inklusive einer Küche und einer Bibliothek, für den Nachmittagsbereich hinzugewonnen werden konnten, wäre ohne die tatkräftige Kooperation der Eltern nicht nur teurer geworden, sondern auch nicht so gut gelungen. Im Rahmen von Stammtischen, Seminaren zu aktuellen Bildungs- und Erziehungsfragen  und Sprechtagen werden die Eltern in aktuelle Diskussionen einbezogen und haben in entsprechenden Gremien Gelegenheit, sich an Entscheidungsprozessen zu anstehenden Schulentwicklungsfragen zu beteiligen.

Inklusive Ganztagsschule

Neben der engen Kooperation mit den Eltern pflegt die Schule intensiven Kontakt zu vielen außerschulischen Personen und Institutionen, die unerlässliche Unterstützungsleistungen  in das Leben, Lernen und Arbeiten der Schulgemeinschaft einbringen. Die Liste der Kooperationspartner und Sponsoren ist lang und macht deutlich, dass der Schulleiter, der seit 2001 den Auf- und Ausbau hin zu einer inklusiven Ganztagsschule leitet, nicht nur pädagogische  Visionen und Kompetenzen hat, sondern mit viel unternehmerischem Verhandlungsgeschick erreicht, dass ortsansässige Firmen und Vereine sich als Förderer einer an neuesten fachwissenschaftlichen und technischen Standards orientierten Bildungseinrichtung verdient machen können. Zum ungewöhnlichen Finanzierungskonzept der Schule gehört auch, dass das täglich in der Schule aus frischen regionalen Produkten gekochte Mittagessen nicht nur von den Schülern der eigenen Schule im Rahmen ihrer Klassenfamilie genossen werden kann, sondern auch noch an die Schüler der nahe gelegenen Realschule verkauft wird.       

Musikalische Förderung

Das Kollegium, allen voran die stellvertretende Schulleiterin, Martina Ochßner, die zugleich auch die Bläserklassen leitet,  ist davon  überzeugt, dass Musik Kinder stark macht und nicht nur  bildungsbürgerlicher Luxus ist. Sie kann sich mit dieser Auffassung auf Ergebnisse entsprechender Untersuchungen berufen, die festgestellt haben, dass Kinder, die eine musikbetonte Grundschule besucht haben, nach fünf Jahren einen signifikant höheren IQ haben als Kinder aus Kontrollgruppen ohne intensive musikalische Erfahrungen, ganz zu schweigen von den positiven Auswirkungen auf ihre Identitätsbildung und ihr Sozialverhalten. 

Einer der langjährigen, dieses Profil der Schule  mitprägenden Kooperationspartner ist die Eisenberger Blaskapelle, die eine enge Zusammenarbeit mit den beiden Bläserklassen hat, die es seit sieben Jahren an der Schule gibt. Sie eröffnen den Schülern nicht nur die Möglichkeit, im Freizeitbereich am Nachmittag das Spielen eines Blasinstruments fortzusetzen, sondern auch über die Grundschulzeit hinaus. Über 60 Prozent der Schüler, die eine Bläserklasse besucht haben, spielen in Vereinen der Umgebung, mehr als 25 Prozent in Musikgruppen an weiterführenden Schulen. Bei den Aufführungen eines alle zwei Jahre neu erarbeiteten Musicals, das als kulturelles Event in Eisenberg gilt, werden alle musikalischen Aktivitäten der Schule zusammengeführt, zu denen neben den Bläsergruppen auch eine Trommelgruppe und natürlich der reguläre Musikunterricht gehören. 

Bewegte Schule - Schule in Bewegung

Die Schule besticht durch ihre Ausstattung. Aber die Ausstattung allein macht noch keine gute Schule. Die wird hier von in doppeltem Sinne „beherzten“ Menschen gemacht, die  sich von pädagogischen Visionen bewegen lassen und alles in Bewegung setzen, um diese umzusetzen. Dazu braucht es neben den „richtigen“ Ideen, zielgerichteter Entschlossenheit, unerschütterlicher Zuversicht, dem nötigen Mut und der Beharrlichkeit zur Überwindung auftauchender Hindernisse und Widerstände auch der Einbindung in Netzwerke, die den Austausch mit anderen innovativen Schulen und qualifizierenden Fortbildungseinrichtungen ermöglichen und bei der Realisierung der aus einem zeitgemäßen Verständnis von Lernen resultierenden veränderten Organisation und Zeitstruktur von Schule helfen.

Zusammenarbeit mit der Serviceagentur Rheinland-Pfalz

Die Pestalozzischule ist eine der Schulen im „Labor Lernkultur“ des Ganztagsschulprogramms „Ideen für mehr! Ganztaegig lernen“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Gemeinsames Ziel der acht Schulen aus acht verschiedenen Bundesländern ist die Entwicklung einer Lernkultur, die sowohl mit neuen Formen der Dokumentation und Präsentation von Lernprozessen und –ergebnissen, wie z.B. Portfolios und Lerntagebüchern arbeitet, als auch andere Lernorte  und Angebote, die alle Sinne ansprechen, mit einbezieht. Sonja Student von der Serviceagentur Rheinland-Pfalz berät das Vorhaben vor Ort und moderiert die Anbindung an das bundesweite Netzwerk.

Zur sog. „Versinnlichung“ der Schule soll nicht nur das besondere Musikangebot beitragen, sondern auch die Einrichtung einer Lernwerkstatt für psychomotorische Förderung, zu der sich das Kollegium Anregung aus einer Partnerschule in Berlin geholt hat. Der Schwerpunkt Bewegungsförderung passt gut zu dem schulischen Programm der Gesundheitsförderung, das durch das tägliche gesunde Frühstück, Kinderforen zum Thema „Sport und Gesundheit“, „ABC der Lebensmittel“, „Klasse 2000“, „Ich Du Wir – Sucht- und Gewaltprävention in der Grundschule“ oder Nordic-Walking-Gruppen für Eltern und Lehrkräfte umgesetzt wird.

Initiiert durch einen Studientag mit Günter Pütz, „Abenteuer im Piratenland – Psychomotorische Diagnostik von 7 bis 11 Jahr“ – Autor des gleichnamigen Buches – führte die Schule für das erste und zweite Schuljahr eine psychomotorische Diagnostik zum Schulanfang 2009/2010 durch. Durch die Anregung des Modellprojekts „Labor Lernkultur“ entwickelte eine Steuergruppe ein Konzept zur psychomotorischen Förderung von Schülerinnen und Schülern bis hin zu einer „Lernwerkstatt Psychomotorik“. Über dieses Konzept strebt man die Verbindung von Wahrnehmungs- und Bewegungsförderung mit Lerninhalten aus  verschiedenen Fächern an. Da schlüpfen Kinder in die Rolle eines Postboten und fahren mit ihrem Rollbrett verschiedene Stationen z.B. eines Diktattextes an, den sie sich dann einprägen und an anderer Stelle aus dem Gedächtnis zu Papier bringen. Oder sie schreiten einen „Barfuß-Parcours“ in Buchstabenform ab, d.h. sie laufen mit nackten Füßen über Holzbalken,  die mit verschiedenen Materialien belegt und zu Buchstaben zusammengesteckt wurden.

 

Seit Ende Februar steht in der Lernwerkstatt das Non-plus-Ultra eines psychomotorischen „Bewegungszentrums“.

Aline Klusen, pädagogische Fachkraft im Bereich Schwerpunktschule und ausgebildete Ergotherapeutin erläutert ihr Förderkonzept, von dem die Lehrer und ihre Schüler in allen Unterrichtsfächern im Laufe der Woche profitieren sollen, und zählt die vielen Möglichkeiten zur Förderung motorischer und nicht nur motorischer Kompetenzen auf, die hier eröffnet werden. Zu dem ausgeklügelten Fortbildungsplan für das gesamte Kollegium gehört eine Kick-off-Veranstaltung im Rahmen eines Studientages, der im Herbst stattgefunden hat und ein weiterer Studientag in diesem Frühjahr mit dem Thema „Sensorische Integration“. Ziel ist, bis zum Sommer alle im Umgang mit den Materialien, die einen hohen Aufforderungscharakter haben, zu schulen und in die Lage zu versetzen, psychomotorische Übungselemente mit anderen Lernzielen zu verknüpfen. Dazu werden  besonders die kollegialen Hospitationen im Bewegungsraum beitragen. Alle 400 Schüler sollen bis dahin eine spielerische Diagnostikphase mit dem „Abenteuer im Piratenland“ durchlaufen haben und für diejenigen, die hohen Förderbedarf im psychomotorischen Bereich haben, wird ein individueller Förderplan aufgestellt. Alle Kinder werden einen Bewegungspass bekommen, der in das Portfolio kommt, in dem alle gelungenen „Werkstücke“ aus allen Unterrichtsfächern gesammelt werden.

Individuelle Leistungsrückmeldung

Die Arbeit mit Portfolios ist seit acht Jahren ein fester Bestandteil der  neuen Lernkultur in dieser Schule, die sich selbst als lernende Organisation versteht. Sie gibt den Kindern die Möglichkeit, ihr Können in verschiedenen Kompetenzbereichen und Fächern mehr oder weniger selbstbestimmt darzustellen und zugleich ihren eigenen Lernprozess zu beobachten, um herauszufinden, wie sie lernen. Den Lehrern eröffnen Portfolios die  Möglichkeit, den  Leistungsbeurteilungs- und –bewertungsprozess  transparenter, partizipativer und kommunikativer anzulegen mit dem Ziel, jeden Schüler und in Auswertungsgesprächen auch dessen Eltern individueller und differenzierter beim Lernen begleiten und beraten zu können.

Um jedem Kind das eigene Lerntempo zu ermöglichen und mit möglichst wenig Zeitdruck auszukommen, sind die Unterrichtsstunden geblockt und das Klingelzeichen abgeschafft. Die Kinder der Ganztagsklassen  verbringen bei gutem Wetter bis zu zwei Stunden des Schultages an der frischen Luft auf einem weitläufigen mit selbstgestalteten Spielgeräten wie dem „Baumstamm-Mikado“ ausgestatteten Generationenspielplatz.

Was für das Lernen der Kleinen gilt, gilt auch für das der Großen. Das frauenlastige, im Schnitt recht junge Kollegium zeichnet sich durch ein hohes Maß an Experimentierfreudigkeit und Reflexionsbereitschaft aus. Und trotz unvermeidbarer zeitlicher Mehrbelastung scheint eine große Arbeitsplatzzufriedenheit zu herrschen, denn, so sagt der Schulleiter stolz, „keiner will hier weg“.

 

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