Raum als dritter Pädagoge

 

 

 

Die Lernraumgestaltung ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen wie Kommunikations-, Urteils- und Selbstorganisationsfähigkeit oder auch Konflikt-, Kompromiss-, Kooperations- und Verantwortungsbereitschaft.

Die Gesamtheit dieser Qualifikationen wird nachfolgend mit Kommunikationsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft oder – noch etwas kürzer – mit Teamfähigkeit bezeichnet. Diese Fähigkeiten sind ihrerseits kein Selbstzweck, sondern ein unverzichtbares Mittel zum Zweck der Bewältigung komplexer gesellschaftlicher Schlüsselprobleme.

Schlüsselfragen zur Lernraumgestaltung

  • Wie lässt sich meine (unsere) Schule zu einem Haus des Lernens umgestalten?
  • Wie lassen sich überschaubare dezentrale Einheiten schaffen und räumlich angemessen ausgestalten?
  • Wie lassen sich die räumlichen Rahmenbedingungen für die Kleingruppenarbeit und den Gesprächskreis verbessern?
  • Welche Vor- und Nachteile bringt die Anschaffung von Trapeztischen für meine Schule mit sich?
  • Wie lässt sich der Zugang zu einer hinreichenden Zahl von Computern für Lerngruppen oder einzelne Schüler verbessern?
  • Wo lassen sich Lern- und Arbeitsmaterialien im Klassenraum lagern?
  • Wie lassen sich die Arbeitsflächen für Lerngruppen vergrößern , ohne dass die Bewegungsflächen im Raum vermindert werden?
  • Wo lassen sich die Arbeitsergebnisse der Lerngruppen über einen längeren Zeitraum hinweg ausstellen?
  • Wann ist die Gelegenheit in unserem Kollegium über diese Gestaltungsfragen zu sprechen?

Kommunikationsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft als Schlüsselqualifikationen

Ohne ein hinreichendes Maß an Konfliktfähigkeit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden ist ein friedliches soziales Zusammenleben nicht möglich. In einem mulikulturellen Europa, das in ökonomischer und kommunikationstechnischer Hinsicht global vernetzt ist, gewinnt sowohl die soziale als auch die technische Kommunikationsfähigkeit über die Grenzen der Muttersprachen hinweg an Gewicht. Die Kooperationsbereitschaft erweist sich insbesondere bei der Lösung sozialer, ökologischer, ökonomischer und politischer Konflikte als unverzichtbar. Die Problemlagen unserer Gesellschaft, aber auch die zunehmend komplexeren Aufgaben der Arbeitswelt lassen sich häufig nicht mehr vom Einzelnen, sondern nur noch von Teams bewältigen, die über die genannten Schlüsselqualifikationen verfügen.

Auf diese gesellschaftlichen Entwicklungen muss die Schule reagieren, wenn sie der ihr zugewiesenen Aufgabe der Qualifizierung für gegenwärtige und zukünftige Lebenssituationen weiterhin gerecht werden will. Deshalb werden Kommunikationsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft zu einem vorrangigen Bildungsziel wie auch zu einer grundlegenden Lernvoraussetzung in der Schule der Zukunft.

Soziale Selbstorganisationsarchitektur für die Schule der Zukunft

Wer über die Frage einer zukunftsfähigen Schule nachdenkt, sollte sich von den bestehenden räumlichen Rahmenbedingungen nicht einengen lassen. Auch wenn die dargestellten Pläne zunächst wie eine unerreichbare Utopie erscheinen mögen, können sie im Diskurs über Häuser des Lernens eine heuristische Funktion erfüllen.

Die kommunikationsökologisch optimierten Klassenräume sind so konzipiert, dass ein schneller Wechsel zwischen Einzelarbeit, Kleingruppenarbeit, Gesprächskreis und frontalen Präsentationsphasen möglich ist. Die meisten Arbeitsgruppen haben grossflächige Fenster in ihren Nischen, die anderen Gruppenarbeitsplätze erhalten duch ein Oberlicht ein ungewöhnliches Ausmaß an Tageslicht. In den einzelnen Gruppennischen findet sich genügend Stauraum für Schultaschen, Lernmittel und Arbeitsmaterialien. Liegt die Brüstungshöhe der Fenster bei 90 cm, so können die Fensterbänke und die davor angeordneten 30 cm tiefen Regale zu einer ca. 150 cm breiten und 50 cm tiefen Arbeitsfläche ausgestaltet werden.

Ein zwei Meter hoher Flachheizkörper lässt sich zugleich als großflächige Magnetwand nutzen. Bei einer gut geplanten Möblierung bleibt in den Gruppennischen so viel Platz, dass sich pro Lerngruppe ein eigener PC-Arbeitsplatz einrichten lässt, dessen Bildschirm von der gesamten Arbeitsgruppe eingesehen werden kann. Die Möblierung der Nischen unterstützt zugleich die konzentrierte Gruppenarbeit wie auch das individualisierte Lernen in Einzel- und Partnerarbeit.

Geometrie der Natur

Eine auffällige Besonderheit der Architektur ergibt sich aus der Art der Formenbildung. Ausgehend von der inneren Funktion der Gruppennische und der Form des Gruppentisches hat sich die äussere Gebäudeform durch einen iterativen Konstruktionsprozess schrittweise entwickelt. Das bedeutet, dass die hexagonale Ausgangsform des Gruppentisches auf verschiedenen Größenskalen erscheint: In der Gruppennische, im Klassenzimmer, im einzelnen, dezentralen Schulgebäude und – je nach Schulgröße – ggf. auch im gesamten Schulkomplex. Der Iterationsprozess folgt einer einfachen Rückkopplungsregel aus der
fraktalen Geometrie. Diese nicht-lineare Geometrie wurde von Mandelbrot als Geometrie der Natur beschrieben (vgl. MANDELBROT 1991). Sie lässt sich zugleich aber auch als Mathematik der Komplexität und der Selbstorganisation bezeichnen (vgl. dazu BUDDENSIEK 1999, S. 444 bis 469 sowie CAPRA 1996, S. 134 bis 180).

So wie sich die komplexen Naturformen von Bäumen, Adernsystemen, Korallen, Schnecken u. a. durch Iterationsprozesse aus sich selbst heraus entfalten, ist die Architektur – ausgehend vom sechseckigen Gruppentisch und unter Anwendung einfacher Rückkopplungsregeln – aus sich selbst heraus gewachsen. Die komplexe Gebäudeform hat sich aus einem einfachen Sechseck durch mathematische Selbstorganisaionsprozesse entwickelt. Bei diesem Prozess wird der Architekt oder der Bauzeichner zum Diener einer hexagonalen Form, die bei der Klassenraum- und Gebäudegestaltung mehrere Varianten zulässt und damit vom Gestalter konstruktive Auswahlentscheidungen verlangt.

Der sich weit gehend selbstorganisierende Formgebungsprozess führt zu einem natur-, struktur- und sozialwissenschaftlich beachtenswerten Wechselspiel von Geist und Materie: Mittels mathematischer Selbstorganisationsprozesse lässt sich ein räumlich-materieller Rahmen schaffen, innerhalb dessen die geistigen Prozesse der sozialen Selbstorganisation zur Entfaltung kommen.

Selbstorganisationsarchitektur

Während in der herkömmlichen Schularchitektur traditionelles lineares und hierarchisches Denken zum Ausdruck kommt, wird nicht-lineares, systemisches Denken in der sozialen Selbstorganisationsarchitektur sichtbar. Systemischer Geist manifestiert sich in der technischen Materie und die Materie des Raumes beeinflusst den sozialen Geist. Die soziale Selbstorganisationsarchitektur erschliesst somit Synergiepotenziale zwischen Geist und Materie. Sie unterstützt die Kommunikation und die Kooperation auf verschiedenen sozialen Systemebenen einer Schule: Im Lehrerteam, in der Lerngruppe, im Gesprächskreis der Klasse sowie im Plenum größerer sozialer Einheiten. Kurzum: Die Architektur übernimmt eine pädagogische Funktion und vermag damit Lehrkräfte bei ihrer anspruchsvollen und kräftezehrenden Arbeit zu entlasten.

Die soziale Selbstorganisationsarchitektur wirkt auf verschiedenen Ebenen selbstbegrenzend und trägt somit dazu bei, dass humane Größendimensionen im Schulbau nicht überschritten werden: In einem dezentralen eingeschossigen Baukomplex, lassen sich nicht mehr als vier Schulklassen, also etwa 120 Menschen unterbringen. Innerhalb der einzelnen Klassen wird die Obergrenze der Schülerzahl durch die Zahl der Raumnischen und die Möblierung festgelegt. Maximal fünf Gruppen mit jeweils sechs Lernenden finden optimierte Arbeitsplätze vor. Notfalls lässt sich zwar noch ein sechster Gruppentisch in der Raummitte unterbringen, jedoch wirkt der Raum dann übermöbliert. Je nach Schulgröße und Grundstücksverhältnissen lassen sich mehrere dieser dezentralen Gebäudeeinheiten um einen möglicherweise sechseckigen oder runden Innenhof gruppieren und zu einem flexibel nutzbaren Bildungs- und Begegnungszentrum ausbauen. Die Gebäude- und Raumgrundrisse eignen sich nicht nur für schulische Bildungszwecke, sondern lassen sich bei wechselndem Bildungsbedarf auch als Kindergarten, Begegnungsstätte für Jugendliche, Freizeitzentrum oder Altentagesstätte nutzen und werden damit den wechselnden demografischen Bedingungen eines Stadtteils eher als konventionellle Schulgebäude gerecht.

 

Autor: Dr. Wilfried Buddensiek
 

Der Raum als dritter Pädagoge – Pädagogische Potentiale der fraktalen Schularchitektur - öffnen