Kulturelle Bildung und ästhetisches Lernen

 

 

Im Pflichtangebot der Schule sind die ästhetischen Fächer gut vertreten. Bildende Kunst und Musik, Literatur und Sport sind selbstverständliche Elemente des Lehrplans. Außerdem gibt es an vielen Schulen Arbeitsgruppen und Projekte, die das Spektrum der ästhetisch orientierten Lernangebote vom klassischen Schultheater bis zum virtuellen Mediendesign in bemerkenswerter Weise erweitern.

Da viele dieser Aktivitäten sehr häufig nur im außerunterrichtlichen Bereich angeboten werden können, verband sich mit der 2003 von der damaligen Bundesregierung gestarteten Ganztagsschulinitiative die nahe liegende Erwartung, dass die zusätzlichen ästhetischen Bildungsangebote zu einem integralen Bestandteil einer stärker auf individuelle Entwicklungs- und Lernförderung angelegten Ganztagsschulkultur werden können. Wie solche Schulen als „Treibhäuser der Zukunft“ aussehen könnten, verdeutlichte Reinhard Kahl in seinem Film. Dass es hierbei um mehr ging als nur um eine schulinterne Neugestaltung von Lernräumen und Lernzeiten, illustrierte kurze Zeit später der Film „Rhythm is it! – You can change your life in a dance class“ von Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch. Am Beispiel der Zusammenarbeit zwischen den Berliner Philharmonikern und mehreren Schulen wurde gezeigt, welche sozialen und biografischen Entwicklungspotenziale im ästhetischen Lernen angelegt sind. Weitere Initiativen wie der von der Kulturstiftung der Länder ausgeschriebene Wettbewerb „Kinder zum Olymp“ belegen eindrücklich, dass ästhetische Projekte die Schulkultur bereichern.

1. Ästhetisches Lernen

 

Mit dem Begriff Bildung wird die selbsttätige und zunehmend reflexiv werdende Auseinandersetzung des Menschen mit seiner historisch überlieferten, gesellschaftlich und symbolisch strukturierten Umwelt bezeichnet. Dabei erscheint der Bezug zur Kultur als eine ebenso selbstverständliche wie notwendige Bedingung der Persönlichkeitsentwicklung. Bildung realisiert sich in der von Vernunft geleiteten Beschäftigung mit menschlichen Erfindungen. Diese sind in Form von Gebrauchsgegenständen, Institutionen und Symbolen kulturhistorisch inventarisiert. Über Sprache und Literatur, Wissenschaft und Technik, Philosophie und Ethik, Religion und Kunst werden sie tradiert.

Der Begriff des ästhetischen Lernens akzentuiert die sinnliche Dimension der Aneignung und Vergegenständlichung. In der menschlichen Sinnesausstattung sind jedoch nur die Grundmodalitäten der gegenständlichen Wahrnehmung festgelegt. Wir sehen Konturen, Farben und Muster, hören Geräusche und Töne, empfinden Wärme und Kälte, Berührung und Schmerz, riechen Düfte, schmecken Unterschiede zwischen süß und sauer, salzig und bitter und registrieren, wenn wir uns bewegen, sensibel Gleichgewichts- und Richtungsänderungen. Eine verlässliche Auskunft auf die Frage, ob das, was wir dabei erleben, angenehm und schön ist oder als Missempfindung Abwehr provoziert, geben uns die Sinne nicht. Ganz offenbar steht die Kulturbedeutung eines Objekts im Zusammenhang mit den lebensweltlichen Praktiken von Gemeinschaften. Sie lassen sich also weder aus der neurophysiologischen noch aus der psychologischen Organisation der Wahrnehmungsprozesse alleine herleiten. Das Wahrnehmungssystem stellt sicher, dass wir in der Mannigfaltigkeit von Sinnesdaten die Welt als eine konstante Gegebenheit erkennen können. Es unterliegt jedoch durchaus Täuschungen.

Man lernt mit den Sinnen

 

In unsere Sinneswahrnehmungen mischen sich stets Erfahrungen und Vorstellungen, die wir im Medium kulturell definierter symbolischer Wissenssysteme und normativer Ordnungen begrifflich ordnen und reflektieren. Deshalb ist das, was die Menschen sehen, mehr als nur ein Produkt der sinnlichen Informationsverarbeitung. Psychologisch betrachtet, sind unsere inneren Bilder und Erlebnisformen gesellschaftlich imprägnierte subjektive Konstruktionen, die nur im Kontext bestimmter sozialer Praktiken sinnvoll und verstehbar werden. Die soziokulturelle Schematisierung der Sinne beginnt mit ersten Lebensäußerungen und verfestigt sich zum individuellen „Habitus“ (Bourdieu) noch bevor die Heranwachsenden ihre Welt begrifflich ordnen. Man lernt mit den Sinnen, wie die Gegenstände, mit denen man umgeht, in der Gemeinschaft, in der man lebt, gehandhabt, symbolisch gedeutet und wahrgenommen werden. In diesem elementaren, nicht auf physiologische und psychologische Struktureigenschaften des menschlichen Körpers reduzierbaren Sinn strukturieren ästhetische Wahrnehmungsschemata unsere sinnlichen Erfahrungen und Vorstellungen von Welt, aber auch unser Selbstverständnis und Begriffe von Subjektivität und Reflexion. In der Regel wird die sozialisatorische Dimension von ästhetischem Lernen nicht thematisiert.

 

Wir sind intuitiv davon überzeugt, dass unser Geschmack und Bewegungsempfinden einer fiktiven Normalnorm entsprechen. Gleichzeitig jedoch wissen wir, dass die ästhetischen Maßstäbe,
an denen wir uns orientieren, in Abhängigkeit von sozialen Lagen oder kulturellen Zugehörigkeiten stark variieren. Unter Pluralitätsbedingungen wird ästhetisches Lernen deshalb auch zur kulturellen Herausforderung. Denn in dem Augenblick, in dem wir begreifen, dass die sinnlichen Beziehungen zur Welt kulturell konfiguriert sind, werden wir uns des konstruktiven Charakters unserer eigenen Wahrnehmungs- und Ausdrucksformen bewusst. Erst mit diesem Wissen wird das ästhetische Lernen kreativ und reflexiv – und zwar sowohl in Bezug auf den Lernprozess als auch auf die habitusbildenden gesellschaftlichen Praktiken. Man beginnt dem bloßen Augenschein zu misstrauen, stellt seine Sinneserfahrung oder die sinnlichen Inszenierungen der anderen in Frage und sucht nach neuen Formen der Wahrnehmung und Präsentation. Insofern bilden sinnliche Erfahrungen den Ausgangspunkt und das Korrektiv von Lernprozessen, die weit über die ästhetische Dimension hinaus auch Lernen inspirieren.

 

 

Von: Prof. Dr. Peter Fauser und Prof. Dr. Hermann Veith
Datum: 20.10.2006

© www.ganztaegig-lernen.de