Ganztagsschulkongress 2013 - Salon 2: Bildungsbenachteiligung und Bildungserfolg

Salon 2: Bildungsbenachteiligung und Bildungserfolg
Foto: Piero Chiussi / Deutsche Kinder- und Jugendstiftung

 

Salon 2

Bildungsbenachteiligung und Bildungserfolg

Salon beim 10. Ganztagsschulkongress

Freitag, 06.12.2013, 16:00–18:00 Uhr, Raum B 06/07

Referentinnen und Referenten: Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Hertie School of Governance
; Dr. Heike Kahl, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung; 
 Barbara Riekmann, ehem. Schulleiterin Max-Brauer-Schule, Hamburg; 
Kay Stöck, Stadtteilschule Stübenhofer Weg, Hamburg; 
Anja Reschke/Birgit Wärnke, NDR Fernsehen, Redaktion der Sendung Panorama

Noch immer hat die Herkunft in Deutschland eine entscheidende Bedeutung für den Bildungsweg. Der Ausbau von Ganztagsschulen gilt als wichtiger Schritt beim Abbau herkunftsbedingter Benachteiligung. Die Erwartungen sind hoch: Verringerung sozialer Ungleichheiten, stärkere Kompetenzorientierung, größerer Lernerfolg.

Wie kann die Ganztagsschule das leisten? Wie können Rhythmisierung, Lernzeiten und lebensweltorientierte Angebote zum Ausgleich sozialer Unterschiede beitragen?

Moderation: Sandra Pfister, freie Bildungsjournalistin

Zentrale Themen und Ergebnisse

Eingangsstatements

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann (Hertie School of Governance)

berichtet von der gerade erschienenen Kinderstudie: Sein Ausgangspunkt ist, dass es Kindern in Deutschland gut geht, 80% finden, es gehe gerecht zu in Familie, Freundeskreis und Schule. Bei 20% ist das anders – dies sind Kinder aus relativer Armut. Kinder plädieren für die Berufstätigkeit ihrer Eltern und möchten selbst auch berufstätig sein. Sie haben eine “hohe Bildungsaspiration”, d.h. sie wollen Abitur machen. Von den 20% benachteiligter Kinder können sich nur 16% vorstellen, dass sie Abitur machen. Bei den Kindern aus gutverdienenden Familien sind es 80% und mehr. Kinder wollen Bildungsangebote neben der Schule: “Kinder akzeptieren den Ganztag.” Kinder aus höheren sozialen Schichten, die nicht so häufig den Ganztag besuchen, sind zufrieden. Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten sind unterdurchschnittlich zufrieden.

“Kinder finden ihre Welt nur dann gerecht, wenn sie sich selbst beteiligen können”: in Schule, im Ganztag, im Unterricht.
Selbstmotivation und Beteiligungsmöglichkeiten sind entscheidend: “Nur dann finden sie es gut, nur dann finden sie es gerecht”
Gerade extrem sozial benachteiligte Kinder brauchen Strukturen (Regeln und Sanktionen) in aller Eindeutigkeit. Sie brauchen das “traditionelle Einmaleins der Pädagogik hoch zehn”.

Dr. Heike Kahl (DKJS Deutsche Kinder- und Jugendstiftung)

berichtet von den Erfahrungen der DKJS. Kinder und Jugendliche mit sozial- bzw. bildungsbenachteiligten Hintergründen, die “ihr schlechtes Image durchaus spüren und reproduzieren”, suchen nach “Vorbildern, suchen nach Helden”. Diese Jugendlichen haben jedoch in ihrer direkten Umgebung kaum die Möglichkeit, engagierte Vorbilder kennenzulernen. Im Jugendprogramm Think Big (Fundación Telefónica, DKJS und O2) konnte der Rapper Kool Savas als Botschafter/Pate insbesondere Jugendliche aus einem Hip-Hop-affinen Umfeld für die Projektarbeit motivieren.

Der persönliche Kontakt und die direkte Ansprache sind für die Aktivierung von Jugendlichen aus benachteiligten Verhältnissen besonders wichtig. Es geht in erster Linie darum, Mut zu machen und Vertrauen aufzubauen. Dazu brauchen Jugendliche Menschen, die dem “Halt geben verpflichtet sind”.

“Wir unterschätzen junge Leute”: Es ist wichtig, die Lebenswelt der Jugendlichen zu erfassen und ihre Themen in passende Formate und Aktivierungsformen zu übersetzen, z.B. über das Medium Fernsehen. Die DKJS kooperierte mit der Sendergruppe ProSiebenSat.1, um über die Sendung Task Force Berlin das Bewusstsein für politische und gesellschaftliche Themen bei jungen Menschen zu stärken. Medien sind heute Alltagsbegleiter für Jugendliche. Bislang sind digitale bzw. mediale Kommunikationsformen eher selten in der Schule zu finden.

Als Zukunftsperspektive gilt: “Jugendliche lernen dort und engagieren sich dort, wo sie sind, man kann sie nicht in andere Welten tragen”, und “wenn Jugendliche heute mitmachen können, dann tun sie das morgen auch”.

Barbara Riekmann (ehem. Schulleiterin der Max-Brauer-Schule Hamburg)

spricht über die Haltung der Lehrkräfte zu Schülern und Schülerinnen. Für bildungsbenachteiligte, aber eigentlich alle Schüler gilt: “Sie müssen sie mögen, sie müssen sie lesen können und wollen […], das ist schwer. Das kann nicht jeder, […] aber man kann es lernen.” Es ist so, dass Lehrerinnen und Lehrer Schüler in “wohlmeinender Absicht unterfordern”. Anders: man muss ihnen etwas zumuten und zutrauen. Eine gute Schule organisiert ihre Lehrer als Teams, deren Kernthema Schüler sind.

Frau Riekmann unterstreicht die Bedeutung von “kinder- und schülerfreundlichen Zeiten und Räume”. Dazu braucht es Zusammenhänge und Themen, die für Schüler wirklich interessant sind (Formen: Projekte, fächerübergreifender Unterricht, Interessenunterricht).
“Einer ist uns verloren gegangen, aber den kriegen wir auch noch”.
“Es ist ein Kunstwerk, dass ein Kind in der Schule neugierig bleibt und neugierig wird”.

Kay Stöck (Stadtteilschule Stübenhofer Weg, Hamburg)

spricht zur Lehrerprofessionalität. Zur Professionalität im Lehrerberuf gehört auch, Chef zu sein und Grenzen zu setzen gegenüber verhaltensauffälligen Schülern. Die Lehrer(aus)bildung ist noch nicht ausreichend. Die professionelle Beziehungsarbeit wird im Studium nicht einmal ansatzweise erlernt. “Wenn das Elternhaus ausfällt, muss Schule Anregungen finden.“ Er appelliert an die Politik, die Ressourcen gut einzusetzen, z.B. für Schulen in bestimmten sozialen Räumen und für Mitarbeiter, die “Lebensbegleitung leisten”. Sein Appell an Schulleitungen: “Zeigen Sie, was Sie gut machen, was Sie toll machen, aber zeigen Sie auch die Wunden – das, was sie schmerzt.”

Anja Reschke (NDR)

vertritt die Auffassung, dass Bildungspolitiker, wie auch Schulleiter und Lehrer, Öffentlichkeit brauchen. “Machen Sie auf, seien Sie mutig”. Lehrer zu sein, ist anspruchsvoll. Es ist oft schwierig, das ist nicht nur ein Klischee. Lehrer müssen Helden sein, vor allem in schwierigen Stadtteilen. Sie geraten in diese Situation, ohne dafür ausgebildet zu sein. In der Lehrerausbildung müsste es mehr Handwerkszeug für extrem herausfordernde Situationen geben. Lehrer geben einander zu wenig Feedback und Kritik, “einziges Korrektiv sind die Kinder.”

Diskussion

Nach der Diskussion an den runden Tischen, an der die Experten teilnahmen, wurden im Fish-Bowl folgende Aspekte in einer teils kontroversen Diskussion benannt.

Stärkende Beziehungsarbeit und Lebensweltbezug

Folgende Punkte sind für Ganztagsschulen und für Kinder und Jugendliche mit herkunftsbedingter Benachteiligung entscheidend:

  • individuelle Lernförderung
  • stärkende Beziehungsarbeit und soziale Arbeit mit der Schülerin/dem Schüler
  • räumliche und zeitliche Offenheit (z.B. Rhythmisierung)
  • Themen und (neue) Medien im Interesse der Kinder
  • Projekt(arbeit) und Praxisbezüge
  • Lebensweltbezüge
  • Beteiligung und „Mitnehmen“ von Schülerinnen und Schülern
Lehrerpersönlichkeit, Haltungen und Lehrerausbildung

Es wird unterstrichen, wie ungemein wichtig eine wohlmeinende, stärkende Haltung gegenüber Schülerinnen und Schülern sowie eine professionelle Beziehungsarbeit bei der Arbeit mit sozial- bzw. bildungsbenachteiligten Schülerinnen und Schülern ist.

Was leistet die Lehrer(aus)bildung dafür bzw. was leistet sie nicht? Es gebe großes sachliches Wissen, jedoch die überfachlichen Kompetenzen bilden einen dringend zu stärkenden Faktor.

Welche Rolle spielt die gegenseitige Unterstützung von Lehrpersonen füreinander bzw. welche Rolle könnte sie spielen (Teamwork, Kollegialität)? Welche Rolle spielen Ausbildung und Weiterbildung von Lehrkräften? Das Studium bereite nicht bzw. nicht ausreichend auf die Praxis vor. Dies betrifft weniger die fachlichen, als vielmehr die allgemeinen Skills und Bewältigungskompetenzen.

Das “Wollen” der Schülerinnen und Schüler

„Wollen wirklich alle Schülerinnen und Schüler lernen?“ vs. „Alle Schülerinnen und Schüler wollen lernen!“
Negative (Selbst)erwartungen vs. Selbstbewusstsein und -zutrauen erlangen spielt eine entscheidende Rolle auf Schülerebene.
Junge Menschen brauchen Vorbilder, auch in positiven Lehrer-Schüler-Beziehungen sowie Zutrauen. Stärkende Erfahrungen, die junge Menschen im wie außerhalb des Unterrichts machen, motivieren zum Lernen.

Schule und Offenheit / Öffentlichkeit

Wie gehen Schulakteure mit ihren Herausforderungen/Problemen öffentlich um? Die Rolle von Medien wird vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Stadtteilschule Stübenhofer Weg (Hamburg) diskutiert. Welche Rolle spielt eine Sozialraumorientierung bei der Gestaltung von Ganztagsschule?

Statements und Zitate

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann:

  • “Kinder akzeptieren den Ganztag.”
  • “Kinder finden ihre Welt nur dann gerecht, wenn sie sich selbst beteiligen können.”
  • Auf die Frage, was extrem sozial benachteiligte Kinder brauchen: Strukturen (Regeln und Sanktionen) in aller Eindeutigkeit, “Sie brauchen das ‘traditionelle’ Einmaleins der Pädagogik hoch zehn.”

Dr. Heike Kahl:

  • “Wir unterschätzen junge Leute.”
  • “Wenn Jugendliche heute mitmachen können, dann tun sie das morgen auch.”
  • “Jugendliche lernen dort und engagieren sich dort, wo sie sind.”

Barbara Riekmann:

  • Wie kann Schule und das System so aufgestellt werden, “dass die Schule für die Kinder da ist, nicht die Kinder für die Schule?”

Kay Stöck:

  • Fragt man Lehrer nach professioneller Beziehungsarbeit mit Schülern, so bekommt man oft die Antwort: “Das haben wir nicht gelernt im Studium, nicht mal ansatzweise.”

Anja Reschke:

  • “Lehrer werden in diese Situation [Anmerkung: extrem herausfordernde Situation] geschmissen, ohne dafür ausgebildet zu sein.”