Ganztagsschulkongress 2013 - Salon 1: Öffnung von Schule, Kooperationen und Bildungslandschaften

Salon 1: Öffnung von Schule, Kooperationen und Bildungslandschaften
Foto: Piero Chiussi / Deutsche Kinder- und Jugendstiftung

 

Salon 1

Öffnung von Schule, Kooperationen und Bildungslandschaften

Salon beim 10. Ganztagsschulkongress

Freitag, 06.12.2013, 13:30–15:30 Uhr, Raum B 06/07

Referentinnen und Referenten: Kornelia Haugg, Bundesministerium für Bildung und Forschung; Klaus Hebborn, Deutscher Städtetag
; Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Deutsches Jugendinstitut; 
Boris Brokmeier, Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe; Wilfried Kretschmer, Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim

„Bildungslandschaften“ gelten als Zauberformel, wenn es darum geht, Heranwachsende gut auf ihrem Weg von der Kita bis zum Beruf zu unterstützen und Kommunen zu einem neuen Profil zu verhelfen. Ganztagsschulen sind als kooperationserfahrene Schulen oft das Herzstück von Bildungslandschaften.

Kooperationspartner wie Sportvereine, Kinder- und Jugendhilfe, kulturelle Projekte und auch manche Eltern verbinden jedoch mit der Ganztagsschule auch die Befürchtung einer Vereinnahmung durch die Schule oder einer Verschulung der Kindheit.

Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) belegt eine Steigerung der Kooperationsaktivitäten von Schulen und eine zunehmende Vielfalt. Prof. Dr. Rauschenbach, Mitglied des StEG-Konsortiums, sieht in der Vielfalt der möglichen Ansätze einerseits den Erfolg des Ganztagsschulausbaus begründet, warnte aber andererseits vor „Konzeptionslosigkeit“, zu der fehlende länderübergreifende Qualitätsstandards führen könnten.
Was muss also passieren, damit sich eine Win-win-Situation für alle Beteiligten einstellt und Ganztagsschulen den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen unterstützen?

Moderation: Armin Himmelrath, freier Bildungsjournalist

Zentrale Themen und Ergebnisse

Was können Bildungslandschaften leisten? Was wird für ganzheitliche Bildung gebraucht? Wie muss die Schule sich verändern? Was kann die Jugendhilfe tun? Diese Fragen wurden von den Expertinnen und Experten auf dem Podium und den Teilnehmenden an den Banketttischen diskutiert. Mit Hilfe von farbigen Fähnchen, die am Eingang bereitstanden, konnten sich die Besucherinnen und Besucher „outen“, welcher Profession sie im Bildungsbereich angehören, um somit auch an den Tischen leichter ins Gespräch zu kommen.

Eingangsstatements

Zu Beginn forderte der Moderator die Expertinnen und Experten auf, „kurz und knackig“ ihre Statements und Thesen zum Thema Öffnung von Schulen vorzutragen.

Wilfried Kretschmer (Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim)

berichtete von den Erfahrungen an seiner Schule, die den Deutschen Schulpreis gewonnen hat. Die Schule führte z.B. Gruppenstunden mit Eltern ein. Bis zu 200 Eltern pro Woche haben die Möglichkeit, sich in der Schule zu beteiligen und Einfluss auch in pädagogischen Fragen zu nehmen.

Klaus Hebborn (Deutscher Städtetag)

In vielen Kommunen hat es große Fortschritte im Bereich Bildungslandschaften gegeben. Bildung ist von einem weichen zu einem harten Standortfaktor geworden. Kommunen müssen sich intensiv damit beschäftigen. Kommunale Politik richtet sich nicht mehr so stark an wirtschaftlichen Unternehmen aus, sondern vermehrt an Familien. Verstärktes kommunales Engagement hinsichtlich des Bildungserfolgs sei Trend, da Kommunen auch die Kosten für Bildungsmisserfolg tragen müssten. Bildungslandschaften zielen auf Chancengerechtigkeit und Ressourceneffektivität. Sie brauchen feste Strukturen, verlässliche Datengrundlagen und müssen einen biographischen Ansatz verfolgen (früh anfangen). Sie brauchen ressortübergreifendes Arbeiten und Denken. Eltern und Peers müssen eingezogen werden – nicht nur die formellen Lernorte.

Boris Brokmeier (AGJ Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe)

Lebensweltorientierung, Freiwilligkeit, Interessenorientierung sind die Prinzipien der Angebote der Jugendhilfe. Es reicht nicht aus, klassische Angebote der Jugendhilfe in die Schule zu tragen. Vielmehr müssen Angebote in neue Formen gegossen werden. Es muss eine Verständigung darüber stattfinden, was gelernt werden soll. (Dies ist ein Kerngedanke der Bildungslandschaften, die eine kommunale Verankerung haben.) Es muss eine zentrale Anlaufstelle geben, eine Koordinationsstelle als „drittes Element“, die auch die Finanzierung sichert.

Herr Prof. Dr. Thomas Rauschenbach (DJI Deutsches Jugendinstitut)

mahnt an, dass nach wie vor Vor- und Nachmittagsangebote an Ganztagsschulen separat gedacht werden. Wir brauchen dringend einen neuen Bildungsbegriff, den schulische und nichtschulische Akteure gemeinsam entwickeln. Was brauchen Kinder und Jugendliche heute, um in dieser Gesellschaft leben zu können? Es braucht eine neue Bildungsidee, um diese Frage, unter Einbezug der verschiedenen Professionen im Bildungswesen, zu beantworten.

Kornelia Haugg (BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung)

Der Bund hält die Ganztagsschule für ein sehr wichtiges Thema. Sie steht sogar im neuen Koalitionsvertrag, obwohl Bildung Ländersache ist. Der Bund unterstützt z.B. beim Bildungsmanagement das Bundesprogramm Lernen vor Ort gemeinsam mit allen 16 Bundesländern. „Gesellschaftliche Innovationssprünge werden wir nur durch Vernetzung schaffen!“

Runde Tische

Nach den Statements der Expertinnen und Experten nahmen diese an den runden Tischen an der Diskussion teil. Folgende Fragen wurden dafür vorgeschlagen:

  • Welcher Impuls reizt Sie am meisten zum Widerspruch?
  • Wo liegen die größten Herausforderungen für Kooperation und gewinnbringende Bildungslandschaften?
  • Schule oder Kooperationspartner: Wer muss sich mehr verändern?

Es wurde lebhaft über Modelle von Bildungslandschaften, Erfolgsmomente, ressortübergreifende Zusammenarbeit, Veränderungsbereitschaft von Kommunen sowie den Abbau von Vorurteilen diskutiert.

Fishbowl

In der anschließenden Fishbowl-Diskussion gab es folgende Statements:

  • Das Land macht wenige Vorgaben. Einzelne Schulleitungen an den Schulen müssen ganz allein den Weg zur Bildungslandschaft finden. Mehr Orientierung ist notwendig.
  • Rahmenbedingungen sollten besser gesetzt und kommuniziert werden.
  • Bildungsföderalismus wird nicht zum Wettbewerb, wenn jede Schule ein eigenes Süppchen kocht und damit zufrieden ist!
  • Eine Politisierung der Ganztagsschuldebatte ist nötig! Kultusminister „ducken sich weg“. Kommunen und Länder sollten gemeinsam an der Bildung arbeiten. Kommunale oder regionale Bildungslandschaften können Zuständigkeitschaos auslösen.
  • „Es gibt kein Kooperationsverbot“. Kooperieren dürfen Bund und Länder definitiv.
  • Pädagoginnen und Pädagogen, Kommunen und die Kooperationspartner brauchen Zeit, um ihre Konzepte auszuhandeln. Ist das „verbratenes Geld“?
  • Man kann Ganztagsschule nicht zum Nulltarif machen. Der Nachmittag kann nicht mit ein paar Euro finanziert werden. Kommunen und Länder sind überfordert. Ganztag muss zu einem gemeinsamen Projekt mit dem Bund werden.
  • Kooperation bedeutet auch, dass die anderen Partner mitreden können.
  • Ein gemeinsamer, ressortübergreifender Sprachgebrauch in der Ganztagsschuldebatte ist wichtig.

Statements und Zitate

  • Kornelia Haugg: „Gesellschaftliche Innovationssprünge werden wir nur durch Vernetzung schaffen!“
  • Boris Brokmeier: „Klassische Angebote der Jugendhilfe können für die Ganztagsschule in ganz neue Formen gegossen werden. Eine Verständigung darüber, was Kinder und Jugendliche lernen sollen, muss stattfinden.“