Fit für die Arbeitswelt

Projektdaten

Klassenstufen: 9-10
Anzahl der Schüler: alle
Anzahl der Lehrer: Klassenlehrer/innen, Hauptstufenleiterin
Fachbereiche: Mathematik, Deutsch, Sozialkunde, Arbeitslehre
Wochenstunden: 1 Tag pro Woche

Mit einem wöchentlichen Praktikumstag bereitet die Eduard-Flanagan-Schule Schüler/innen mit Lernbeeinträchtigungen auf die Arbeitswelt vor. Dort erfahren sie viel Anerkennung

Das Projekt

Im Schuljahr 1998/99 startete die Schule das Projekt der „Kontinuierlichen Praxistage“, das in einen Modellversuch des Landes Hessen eingebettet ist. Seither arbeiten Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen an einem Tag in der Woche in einem Betrieb ihrer Wahl für die Dauer eines Schuljahres. Seit Beginn des Schuljahres 2003/04 nehmen auch die Schüler/innen der Klasse 9 ab dem zweiten Halbjahr an den „Kontinuierlichen Praxistagen“ teil. Somit haben sie die Möglichkeit, eineinhalb Schuljahre lang Praxiserfahrung in Betrieben zu sammeln. Außer der Aufnahme des „Kontinuierlichen Praxistages“ wurden Inhalte des Fachs Arbeitslehre verstärkt in den Unterricht unter dem Aspekt „Integration in die Arbeitswelt“ und „Lebensnaher Unterricht“ einbezogen. Diese Veränderungen wurden in das Schulprogramm aufgenommen. Die Kooperationspartner sind eher mittelständische und kleine Betriebe im Handwerks- und Dienstleistungsbereich in der näheren Umgebung der Schule. Dazu gehören beispielsweise das Hotel- und Gaststättengewerbe, das Baugewerbe, Werkstätten, Gartenbaubetriebe und der Einzelhandel. Obwohl Großbetriebe eher auf Praktikanten eingestellt sind, ist ein Kleinbetrieb wegen der persönlicheren und intensiveren Betreuung besser geeignet. Büroarbeiten wie in Banken, Sachbearbeitung und IT-Berufe kommen für unsere Schüler/innen nicht infrage. Durch den „Kontinuierlichen Praxistag“ wird der Betrieb in die Schule geholt. Die Betriebserfahrungen sind Unterrichtsgegenstand, unter Umständen Pausenthema, sie gestalten die Unterrichtsinhalte mit und gehören so zum schulischen Alltag. Dadurch wird die Motivation der Schülerinnen und Schüler gesteigert, arbeits- und berufsrelevante Themen zu bearbeiten. Auch erkennen sie Sinn und Bedeutung der Unterrichtsthemen für das künftige Arbeitsleben. Die Mitarbeit in Betrieben konfrontiert die Schüler/innen mit „Ernstsituationen“ – sie müssen berufliche Anforderungen erfüllen und durch die Auseinandersetzung mit ihnen unbekannten Erwachsenen soziale Kompetenzen entwickeln. Auf Grund der längerfristigen Mitarbeit kann sich eine intensive Zugehörigkeit zum Betrieb und zur Belegschaft entwickeln, die das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärkt. Die selbstverständliche Einbindung in betriebliche Abläufe, die mögliche Teilhabe an Betriebsfeiern sowie die Wertschätzung der geleisteten Arbeit gibt ihnen darüber hinaus das Gefühl, gebraucht zu werden und wichtig zu sein. Durch die kontinuierliche Arbeit in einem Betrieb besteht die Chance, eine partnerschaftliche, vertrauensvolle und verlässliche Zusammenarbeit aufzubauen. Der Betrieb hat die Möglichkeit, den Praktikanten mit seinen Fähigkeiten kennen und schätzen zu lernen und möglicherweise vorhandene Vorurteile im Hinblick auf die Beschäftigung Benachteiligter abzubauen. Dadurch kann die Bereitschaft des Betriebs verstärkt werden, eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle zur Verfügung zu stellen. Allerdings kann der Erfolg der Praxistage nicht allein von der Vermittlung von Ausbildungs- und Arbeitsstellen abhängig gemacht werden, weil einige Schüler selbst mit einfachsten Anforderungen nicht zurechtkommen. Sie absolvieren ihre Ausbildung dann außerbetrieblich.

Der Auslöser

Der Wandel der Arbeitswelt und die damit verbundenen Veränderungen von Berufsbildern und -angeboten wirkt sich besonders auf Schülerinnen und Schüler der Schule für Lernhilfen aus. Die Zahl der möglichen Ausbildungsberufe ist geschrumpft, die für die Jugendlichen infrage kommenden Arbeitsplätze werden zunehmend wegrationalisiert, und die Qualifikationsanforderungen sind gestiegen. Das alles macht es ihnen sehr schwer, einen Ausbildungsberuf oder einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Der Weg

Bei der Entscheidung für einen Betrieb steht der Schülerwunsch an erster Stelle. Es wird darauf geachtet, dass sie drei verschiedene Berufsfelder kennen lernen. Ab der 9. Klasse und vor allem hinsichtlich des Praxistages, aus dem sich unter Umständen ein Ausbildungsplatz ergeben könnte, macht die Lehrerin ihren Einfluss stärker geltend. Vor Beginn des Praxistages lernen die Schülerinnen und Schüler den Betrieb und die erforderlichen Arbeitsabläufe in einem zweiwöchigen Blockpraktikum kennen. So können sie ihre Zusage zum folgenden Praxistag überprüfen. Die Vorbereitung auf das Blockpraktikum, das etwa drei bis vier Wochen nach Beginn des Schuljahres stattfindet, geschieht in der auch an anderen Schulen üblichen Weise: durch Rollenspiele, Anschauen der Berufsbilder, Zusammentragen von Informationen über mögliche Anforderungen, Behandlung der Arbeitstugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Durchhaltevermögen, Briefeschreiben, Behandlung des Jugendarbeitsschutzgesetzes und der Unfallvorschriften. Die Lehrerin informiert die Betriebe auch über die zugeteilten Praktikanten. Da die Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse Praktika absolvieren, haben sie schon reichlich Erfahrungen, bevor sie die „Kontinuierlichen Praxistage“ durchlaufen. Dem zweiwöchigen Blockpraktikum folgt ein Gespräch zwischen der Lehrerin und den Verantwortlichen des Betriebs über die Durchführung des Praxistages, der über ein ganzes Jahr jeden Mittwoch stattfindet. Im Unterschied zum Blockpraktikum, bei dem sechs Stunden am Tag gearbeitet wird, richten sich beim Praxistag die Arbeitszeiten nach den betrieblichen Anforderungen, das heißt die Schülerinnen und Schüler arbeiten acht Stunden am Tag, im Einzelfall können es auch schon mal zehn Stunden werden. Während des Praxistages werden sie von einer Lehrkraft intensiv betreut. Wenn etwas schief läuft, kann die Lehrerin einen Praktikanten auch aus dem Betrieb nehmen. Sie sorgt dann meist dafür, dass dieser Betrieb einen passenderen Praktikanten bekommt. Vor den Osterferien findet ein dreiwöchiges Blockpraktikum zur Vertiefung oder Umorientierung statt. Die Schüler/innen haben damit Gelegenheit, auch einen anderen Betrieb kennen zu lernen. Manche Schüler nutzen das und gehen nach den drei Wochen Blockpraktikum für das zweite Halbjahr in einen neuen Betrieb. Manche wechseln dabei auch wieder zurück in den ursprünglichen Betrieb. Die Praxistage werden im Unterricht vor- und nachbereitet. Die Nachbereitung findet am darauf folgenden Donnerstag oder Freitag in der ersten Schulstunde statt. Die Schüler/innen müssen über jeden Mittwoch einen Tagesbericht schreiben, auf der Basis dieser Berichte findet eine Reflexion der Erfahrungen und Probleme statt. Jeder Schüler hat eine Pinnwand in der Klasse, an der Materialien über die Praktikumsstelle angeheftet sind (zum Beispiel ein Prospekt vom Betrieb, die Beschreibung der Arbeit, des Materials und des Arbeitsvorgangs). In der Nachbereitung werden auch Smilies an die Pinnwand geheftet, die die Stimmung vom vorhergehenden Mittwoch wiedergeben (lachen, gleichgültig, traurig). Vor dem Halbjahreszeugnis und zum Ende des Schuljahres werden die „Kontinuierlichen Praxistage“ durch Gespräche im Betrieb und mittels eines Beurteilungsbogens ausgewertet. Im Falle der Übernahme der Schüler/innen in ein Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis bietet die Schule den Betrieben ihre Unterstützung an: Sie berät den Betrieb über mögliche Fördermaßnahmen durch das Arbeitsamt. Die Schülerinnen und Schüler werden während der gesamten Ausbildung und in den ersten Monaten eines Arbeitsverhältnisses von der Schule betreut. Der Betrieb hat in dieser Phase der Nachsorge einen bekannten Ansprechpartner. Während der Ausbildung wird gemeinsam mit dem Arbeitsamt frühzeitig ein Stütz- und Förderunterricht eingeleitet.

Probleme und Lösungen

Eine gute Vor- und Nachbereitung entscheidet über die Qualität der „Kontinuierlichen Praxistage“. Nicht alle Schulen, die in dem Programm „Praxistage an hessischen Schulen“ vertreten sind, beachten diese Standards – mit der Folge, dass manche Betriebe abspringen. Damit der Markt für die Schulen nicht verdorben wird, müssten verbindliche Qualitätsstandards entwickelt und eingehalten werden. Wünschenswert wäre eine Art Gütesiegel von Kultusministerium und Industrie- und Handelskammer.

Blitzlicht

Die Schülerinnen und Schüler sehen die Tätigkeiten im Betrieb als ernsthaftere Arbeit an als die Tätigkeiten in der Schule. Der Grund dürfte nicht zuletzt darin liegen, dass die Arbeit im Betrieb unmittelbare Auswirkungen hat: Wenn der Putz nicht ordentlich an der Decke aufgetragen wird, fällt er herunter. Ob ein Schüler ordentliche Eintragungen in seinem Heft gemacht hat, ist in der Schule vielleicht nicht so bedeutungsvoll. Unordentliche Eintragungen in Journalen des Betriebs haben dagegen unmittelbare Folgen. Durch die neue Rolle als verantwortungsvoller „Arbeitnehmer“ werden nach den Beobachtungen der Lehrerin diese benachteiligten Schülerinnen und Schüler sehr selbstbewusst. Im Betrieb erfahren sie Anerkennung: „Da bin ich wer, da werde ich gebraucht, da werde ich durch meine Leistungen anerkannt. Da habe ich auch Erfolg.“ Sie erfahren auch eine andere Ansprache als in der Schule. Die Ansprache vom Chef, vom Betreuer oder Ausbilder sei etwas ganz anderes als die vom Lehrer. Viele Schüler/innen, die unregelmäßig in die Schule kommen, gehen durchaus regelmäßig acht Stunden in den Betrieb.

Schule

Eduard-Flanagan
Schule für Lernhilfe

Eduard-Flanagan-Schule Poststr. 3 64832 Babenhausen

E-Mail: FlanaganSchule@web.de

Anzahl der Schüler*innen:

101 (plus 12 Schüler/innen, die in Bezugsschulen ambulant betreut werden)


Anzahl der Lehrer*innen: 18
Sonstiges pädagogisches Personal:

2 Referendare

Spezieller pädagosicher Ansatz

regulärer Unterricht nach sonderpädagogischen Prinzipien

Zeitstruktur der Woche

7.45–12:40 Uhr

Beteiligung an Netzwerken

Arbeitskreis „Berufsnot“ des Landkreises; „Soziale Institutionen“ der Stadt

Beteiligung an Programmen


Beteiligung an Modellversuchen

„Kontinuierlicher Praxistag“ des Hessischen Kultusministeriums

Beteiligung an Wettbewerben


Sozialraum


Zusammensetzung


Beteiligung an Besonderheiten


Autor(en): Isermann