„Eine Klasse voller Asse“

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Das Hochwald-Gymnasium in Wadern

Der Vorschlag zu dem Projekt „Ganztagsklasse am HWG“ kam 2008 aus dem Kollegium. Fast einstimmig beauftragte die Gesamtkonferenz des über 50 Jahre alten Gymnasiums die Steuergruppe „Selbständige Schule“ mit der Konzeptentwicklung. Nach neunmonatiger Vorbereitungszeit startete im Schuljahr 2009/10 das Modellvorhaben mit einem Team aus acht Lehrerinnen und Lehrern, einer Integrationslehrerin und einem Integrationshelfer sowie einem Sozialpädagogen und einer Erzieherin. Herr Wagner, der die Schule seit 19 Jahren leitet, weist stolz darauf hin, dass über 70 Prozent der Kollegen dieses Projekt unterstützten, z.B. durch die Bereitstellung von Deputatstunden, und mittlerweile die Initiativen für viele der damit verbundenen, für ein traditionelles Gymnasium ungewohnten und mutigen Innovationen eher von den Kollegen als von ihm ausgehen.

Aus Sicht der beteiligten Lehrer/innen ist allerdings ein wesentlicher „Treiber“ bei der Umsetzung der gemeinsamen Pläne die nicht nur wohlwollende, sondern auch tatkräftige organisatorische Unterstützung des Schulleiters. Er versteht es, für die Vision einer zeitgemäßen Schule nicht nur „Komplizen“ im Kollegium zu finden, sondern auch Sponsoren im kommunalen Umfeld, die sich vom innovativen Schulkonzept motivieren lassen. Er nutzt zum richtigen Zeitpunkt günstige Umstände, die eine Bündelung räumlicher, personaler und finanzieller Ressourcen in Aussicht stellen. Da bietet sich die Gelegenheit, das Gebäude eines ehemaligen Berufsbildungszentrums in einen Erweiterungsbau der bislang bestehenden Schule umzuwandeln, und da gibt es eine Innenarchitektin, die ihre Expertise für die Gestaltung von Ganztagsschulen in Einklang mit den Bedürfnissen derer bringt, die sich ganze Tage in den von ihr gestalteten Räumen aufhalten müssen. Da gelingt es, für die mehr als 850 Schüler/innen, die aus vielen umliegenden Zubringergemeinden kommen, einen eigenen Busbahnhof direkt vor der Schule zu bekommen.  

 

„La vie est belle“

Beim Eintritt durch die Glastür in das gemeinsame Gebäude der Ganztagsklasse und der Oberstufe fällt der Blick des Besuchers im Vorraum auf die Informationstafel der Steuergruppe  „Selbständige Schule“, einem Schul-Entwicklungsprogramm des saarländischen Bildungsministeriums, an dem auch das Hochwald-Gymnasium teilnimmt. Mit der Teilnahme an diesem Programm werden der Schule Entscheidungsspielräume zugebilligt, die ihr die Erprobung ihrer Innovationspläne erleichtern. Eine zweite Pinnwand informiert über das chinesische Schulsystem, listet die wichtigsten Wörter für den Alltagsgebrauch in deutscher, englischer und chinesischer (Zeichen)Sprache auf und zeigt Fotos vom Besuch der chinesischen Schule, mit der das Hochwald-Gymnasium eine Partnerschaft unterhält.

Ein paar Schritte weiter kommt man in einen hellen, lichtdurchfluteten Essraum, in dem die Schüler ein frisch gekochtes, gesundes und preiswertes – 40 Euro pro Monat - Mittagessen zusammen mit ihren Klassenkameraden einnehmen können.

Das Doppelraumkonzept, die Ausstattung der Räume, in denen die Ganztagsklasse „beheimatet“ ist, besticht durch klare warme Farben, helle Holzmöbel und Schrankelemente, in denen jedes Kind ein eigenes, abschließbares Fach hat, dessen Tür mit Tafelfarbe gestrichen ist und „personalisiert“ als Notiz- oder Zeichenblock genutzt werden kann. Darunter in einem offenen Fach liegen die häufig gebrauchten Arbeitsmaterialien. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Tische – für jedes Kind ist ein Tisch da – zwei Rollen haben. Mit einem leichten Anheben des Tisches auf einer Seite kann er auf leisen „Sohlen“ dorthin gerollt werden, wo er je nach Arbeitsform – Einzel-, Gruppen- oder Partnerarbeit, Sitzkreis oder Kino – gebraucht wird. Neben der Tafel gibt es eine Projektionsfläche, auf der Bilder und Filme über den unter der Decke fest installierten Beamer gezeigt werden können.

Eine lange Fensterwand eröffnet den Blick auf den in der Ferne sichtbaren Wald, dem die Schule ihren Namen verdankt. Die übrigen Wände sind mit hellen Platten bestückt, die wie Holz aussehen, aber magnetisch sind. Schnell wechselnde Präsentationen aktueller Arbeitsergebnisse werden von Magneten festgehalten, die nicht mal so groß wie ein Cent-Stück sind. Fotos und Kunstwerke der Kinder, die für längere Zeit sichtbar sein sollen, können aufgeklebt und gegebenenfalls rückstandslos wieder abgelöst werden. Zum selbstverständlichen Inventar gehören eine Klassenbibliothek, eine Spiele-Ecke, der Laptop mit Internetzugang und DVD-Player für Musik und Filme.

So heißt es mit Recht in dem Gedicht einer anderen Schülerin: „Ich habe das, was ihr nicht hattet, meine Klasse ist gut ausgestattet!“

Übersichtlichkeit erleichtert das Lernen

Gleich neben der Tür fallen dem Betrachter, der noch eine lehrende und nicht eine lernende Schule wie diese besucht hat, mehrere Reihen laminierter Kärtchen auf. Da steht dann z.B. „Schreibgespräch, Schüler unterrichten Schüler, Lernen an Stationen, Brainstorming, Mind Map, Gruppenpuzzle und Advance Organizer“. Und warum haben manche dieser Kärtchen einen grünen Punkt? Hier markieren die Kolleg/innen Unterrichtsformen und Arbeitstechniken, die sie in dieser Klasse eingeführt und eingeübt haben. So wird jede Lehrkraft daran erinnert, dass es außer dem vertrauten Frontalunterricht viele andere Organisationsformen für Lernen gibt, die er in seinem Fachunterricht in entsprechende Arbeitsaufträge problemlos integrieren kann. Und wenn dazu Vierertische gebraucht werden – voilá, dann werden sie eben schnell und leise hingerollt.

 

Neben dieser „Lehrerinfo“ hängen Briefumschläge mit Fenstern, in die wöchentlich andere Namenskärtchen gesteckt werden können: 14 Klassenämter oder –dienste gibt es, die jeweils von einem Zweierteam wahrgenommen werden und die deutlich machen, dass die Schüler Mitverantwortung für eine ungestörte Arbeitsatmosphäre, für einen angenehm und ordentlich gestalteten Raum und für einen konfliktfreien, sich an demokratische Spielregeln haltenden Umgang miteinander übernehmen. Gleich neben dieser Liste hängt deshalb eine Information über „aktives Zuhören“ und „Gesprächsregeln“. Beides wird im regelmäßig stattfindenden Klassenrat und sozialen Lernen nach dem Konzept von „Lions Quest“ eingeübt.

Die Gestaltung des Klassenraums und des anschließenden zweiten Raums, der in den sieben Stunden lehrer- und erzieherbegleiteter Arbeitszeit, die die Hausaufgaben weitgehend ersetzt, für das mittägliche  „Bewegungsband“, für die Übungsphasen mit den „Schreibberatern“ (Oberstufenschüler des „Schreib-Lese-Zentrums“, die als Lern-Multiplikatoren eingesetzt werden) sowie während des Unterrichts für Gruppenarbeitsphasen genutzt wird, ist nicht nur ein Beitrag zur ästhetischen Erziehung. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Räume zu Lernlandschaften werden können und für die Entwicklung einer Ganztagsschule ebenso bedeutsame Elemente sind wie die Rhythmisierung des Schultages und die Epochalisierung von Unterrichtsfächern.

Für die Stundenplangestaltung gilt das Doppelstundenprinzip und die Regel, dass in den drei Blöcken pro Tag nicht mehr als drei Fächer unterrichtet werden. Die Fächer Erdkunde, Religion, Biologie und Musik werden epochalisiert, d.h. in dreimonatigem Turnus abwechselnd mit je vier Wochenstunden unterrichtet. Die vorgegebene Stundentafel wird mit dieser Aufteilung problemlos eingehalten.

„Wir ziehen stärker an einem Strang“

Getreu dem Grundsatz, dass es den Schüler/innen gut geht, wenn sich die Lehrer/innen an ihrem Arbeitsplatz Schule wohl fühlen, wird am Hochwaldgymnasium viel getan, um wesentliche Voraussetzungen für Arbeitsplatzzufriedenheit beim Kollegium zu schaffen. Dazu gehört ein Lehrerarbeitsraum, in dem jeder Kollege seinen eigenen, mit einem ans Netz angeschlossenen Laptop ausgestatteten Arbeitsplatz hat und in dem Platz genug ist, um alle vier Wochen – bei Bedarf auch öfter - die Teambesprechungen rund um einen großen „Runden Tisch“ zu organisieren. Hier wird gemeinsam geplant, ausgewertet und verantwortet. Die dafür notwendigen Hilfsmittel wie Bücher, Zeitschriften, DVDs, Videos, Mappen mit ausgearbeiteten Lerneinheiten befinden sich in greifbarer Nähe. Seit kurzem gibt es dank der  Unterstützung der Service-Agentur der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Gestalt von Frau Helm, die auch die Anregung zur Teilnahme am Projekt „Labor Lernkultur“ gab, einen umfangreichen „Handapparat“ mit Büchern und Materialien zum Thema des Unterrichtsprojektes, das im zweiten Halbjahr des Schuljahres 2009/2010 Lehrer und Schüler mit dem Land und dem Kontinent vertraut machen soll, in dem die Fußballweltmeisterschaft 2010 stattfindet.

„(Süd-) Afrika und die Fußballweltmeisterschaft 2010 –
Projektorientierte Auseinandersetzung mit der Lernkultur einer Ganztagsklasse – am Hochwald-Gymnasium (Wadern), Klasse 5a“

 

SAG - Beraterin Melanie Helm (links)

 

Das ist der Projekttitel. Das Projektziel, das die Lehrer/innen und die am Teamteaching beteiligte Sozialpädagogin mit kompetenz- und handlungsorientiertem Unterricht in fächerverbindenden Unterrichtseinheiten realisieren möchten, ist, den Schüler/innen über Perspektivenwechsel Verständnis für interkulturelle Lebenswirklichkeiten nahe zu bringen. Dazu sollen über den Zeitraum eines halben Schuljahrs so viele Erfahrungen, wie sie fern des Originalschauplatzes zu organisieren sind, beitragen.

Zu Beginn des Projektes setzten sich die Kinder mit Ghana und Togo auseinander.

Im Arbeitszimmer des Teams hängt für den gesamten Projektzeitraum, also bis Ende des laufenden Schuljahres, eine Mind-Map, die alle geplanten Unterrichtseinheiten, die Anteile der einzelnen Fächer und die Vernetzungen der Fächer untereinander aufzeigt. Neben den Lerninhalten gehen aus diesem Leitfaden auch die Lernformen hervor, die im Laufe der Projektarbeit den Schülern Gelegenheiten bieten, sich in eigenverantwortlichem selbstständigen Lernen zu erproben und über Dokumentation und Präsentation zur Reflexion ihrer Lernprozesse und Leistungen geführt zu werden. Dabei profitiert das Team von den Klassenleitern, Frau Zimmermann und Herrn Kleer, die beide SOL- Multiplikatoren sind (Selbstorganisiertes Lernen - ein Systemischer Ansatz für Unterricht nach Martin Herold und Birgit Landherr), aber auch vom Konzept „WELL (Wechselseitiges Lehren und Lernen, Prof. Silke Traub), das sich ebenfalls mit innovativen Lern- und Arbeitsformen befasst.

 

Die Schüler haben als Projektziel möglicherweise anderes im Kopf als ihre Lehrer: „Am Ende  des Projektes haben wir es alle zusammen geschafft, und das ist gut für das Gemeinschaftsgefühl“. Da ist sie wieder, die positive Identifikation der Einzelnen mit ihrer Lerngruppe unter Einschluss der Lehrer.

SELF

Hinter dem programmatischen Kürzel SELF verbirgt sich eine neue Form der Zusammenarbeit von Schülern, Eltern und Lehrern, die durch die Teilnahme des Hochwald-Gymnasiums am Modellversuch „Selbstständige Schule“ angestoßen wurde.

Dieses Forum ist eine Veranstaltungsreihe mit mindestens vier Veranstaltungen pro Schuljahr. Vorträge, Diskussionsabende, Lesungen, Filmabende, alles soll möglich sein. Natürlich geht es dabei immer um pädagogische Themen oder mit solchen verknüpfte.

Dem Schulleiter ist es unlängst gelungen, zum Thema „Erziehungspartnerschaft“ den renommierten Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer vom Universitätsklinikum Ulm als Referenten zu gewinnen. Über breite Werbung im schulischen Umfeld und in anderen Schulen im Landkreis wurden so viele Zuhörer angelockt, dass das hohe Honorar trotz eines klein gehaltenen Eintrittsgeldes weitgehend wieder hereingeholt werden konnte.
Die Kommunikation der Lehrer/innen mit den Eltern der Schüler/innen, die die Ganztagsklasse besuchen, wird, soweit es um organisatorische Absprachen und schnellen Informationsaustausch geht, über Mail- Kontakte unkompliziert und kurzfristig geführt.

Am Hochwald-Gymnasium werden Rückmeldungen von Eltern, Schülern, Lehrkräften und Kooperationspartnern sehr ernst genommen, in den verantwortlichen Teams reflektiert, ausgewertet und in den kontinuierlichen Qualitätsoptimierungsprozess einbezogen. Die  informellen Feedbacks in täglichen Gesprächssituationen werden ergänzt durch formelle Befragungen. So kann sich die Entwicklungsarbeit hin zu einem Ganztagsschul-Angebot, das über die Klassenstufen 5 und 6 sukzessive nach oben wächst, besser auf erhobene Motive und konkrete Wünsche der Beteiligten stützen und über die Entwicklung einer neuen Lernkultur mehr als nur eine „Klasse voller Asse“ hervorbringen: Die Kinder für die nächste Ganztagsklasse - im kommenden Schuljahr - sind von ihren Eltern bereits angemeldet worden.

 

SAG Saarland
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19.04.2010
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