Ausblick für Ganztagsschulen - Ganztagsschule im Spiegel der Forschung

 

 

Die Ergebnisse der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) geben Ausblicke aber vor allem Empfehlungen für Ganztagsschulen und solche die es werden wollen. Die StEG ist als Längsschnittuntersuchung angelegt worden, um die Ausgangslage wie auch die Entwicklung von Ganztagsschulen in Deutschland über einen längeren Zeitraum analysieren zu können. Das bundesweite Forschungsprogramm StEG findet in Kooperation mit 14 Bundesländern statt und wird durch Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des Europäischen Sozialfonds gefördert.

Bilanz und Ausblick

 

von Heinz Günter Holtappels, Ilse Kamski und Thomas Schnetzer

In Bezug auf die Struktur des Ganztagsbetriebs und der einzelnen Angebotsformen zeigt sich eine hohe schulspezifische Variation und Differenziertheit. Ganztagsangebote werden von den Schulen organisatorisch sehr verschieden umgesetzt und sie sind auch unterschiedlich verbindlich in den Schulalltag integriert. Ein großer Anteil der untersuchten Schulen hat kurze Zeit nach Einführung des Ganztagsbetriebs einen Ausbaugrad erreicht, der zumindest durchschnittlich ist und zum Teil bereits eine beachtliche Stringenz aufweist. Viele der relativ neu eingerichteten Ganztagsschulen unterscheiden sich nur noch partiell von etablierten, langjährig bestehenden Ganztagsschulen, die keineswegs durchgängig den zu erwartenden Qualitätsvorsprung in organisatorischer und konzeptioneller Hinsicht aufweisen.

 

Bei der Ganztagsschulentwicklung ist die Organisationsform des Ganztagsbetriebs offensichtlich von erheblicher Bedeutung: Vollgebundene Formen haben anspruchsvollere Ziele und Motive, sie arbeiten konzeptionell fundierter, sind in der Zeitorganisation flexibler und bringen eine entwickeltere Lern- und Kooperationskultur in die Entwicklung der Ganztagsschule ein. Wichtig ist jedoch der Befund, dass die höheren Ansprüche und erweiterten Möglichkeiten in gebundenen Ganztagsschulen nicht immer konsequent umgesetzt werden, sodass auch zahlreiche offene Ganztagsschulen durch organisatorische Kreativität und pädagogisches Engagement in vielen Bereichen ein vergleichbares Ausbauniveau erreichen können, auch wenn diese Vorteile dann nur einem Teil der Schülerinnen und Schüler zugute kommen.

 

Perspektiven für die Weiterentwicklung

  1. Ganztagsschulversorgung mit Qualitätsstandards voranbringen

    Der Aufbau des Ganztagsschulsystems sollte weiter vorangebracht werden, allerdings nicht als rein quantitativer Flächenausbau, sondern als qualitative Erweiterung der Ganztagsschulversorgung. Bislang gibt es aber noch keine klar formulierten Zielsetzungen und Qualitätskriterien, an denen sich die Entwicklung der Ganztagsschulen orientieren könnte. Es wäre jedoch dringend notwendig, dass Ganztagsschulversorgung und -entwicklung künftig an festen Qualitätsstandards und Erfolgskriterien ausgerichtet wird, wie es in einigen Bundesländern bereits in ersten Ansätzen geschieht.

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  3. Pädagogische Gestaltungselemente und Angebotsstruktur weiter ausbauen

    Die Ganztagsschulen weisen insgesamt eine bemerkenswerte Angebotsvielfalt auf, doch zeigen sich in einzelnen Gestaltungsbereichen große Disparitäten und Schwächen. So sind zum Beispiel in einem beträchtlichen Teil der Schulen relativ wenig fachbezogene Angebote vorhanden und in vielen Grundschulen fehlt es an Förderangeboten. Zwar verfügt ein großer Anteil der Schulen über ein breites Bildungsangebot, das den pädagogischen Grundüberlegungen zu ganztägiger Schulbildung entspricht, doch gibt es ebenso noch zahlreiche Schulen mit einem relativ schmalen Ganztagsangebot. Immerhin ist tendenziell erkennbar, dass bei der großen Mehrheit der Schulen durch die Einrichtung eines Ganztagsbetriebs ein erheblicher Schub zugunsten einer vielfältigeren Lernkultur mit erweiterten und differenzierteren Lerngelegenheiten eingetreten ist.
     

  4. Gebundene Formen der Ganztagsschule fördern, Teilnahmequoten der Schüler/innen erhöhen

    Eine große Anzahl von Schulen organisiert den Ganztagsbetrieb lediglich für einen kleinen Teil ihrer Schüler/innen. Dies betrifft vorrangig den Primarbereich, höhere Jahrgänge in Schulen der Sekundarstufe I sowie offene Ganztagsschulen. Das Ungleichgewicht zwischen offenen und gebundenen Formen zeigt, wie stark die Ganztagsschullandschaft in Deutschland noch vom fakultativen Charakter des Angebots geprägt ist. Die gebundenen Formen der Ganztagsschule sollten künftig also verstärkt gefördert werden. Hinzu kommt, dass in vielen Schulen zwar eine breite Vielfalt an Ganztagsangeboten vorhanden ist, die Schüler/innen diese Möglichkeiten aber nur wenig bzw. nur einzelne Angebote nutzen. So nimmt zum Beispiel in Grundschulen nur eine kleine Minderheit von Schülerinnen und Schülern an Fördermaßnahmen und zusätzlichen Themenangeboten bzw. Projekten teil und in der Sekundarstufe sind es die Bereiche Hausaufgabenbetreuung, Fördermaßnahmen, fachbezogene Angebote und Freizeitangebote, die nur von sehr wenigen Schüler/innen wahrgenommen werden. Wenn jedoch nachhaltige pädagogische Effekte für die gesamte Schule bzw. in den betreffenden Schülerjahrgängen erzielt werden sollen, besteht hier deutlicher Nachholbedarf und es sollten Strategien entwickelt werden, um die Teilnahmequoten der Schüler/innen gezielt zu erhöhen.
     

  5. Schulkonzepte von Ganztagsschulen systematisch und fundiert entwickeln

    Die Mehrheit der Ganztagsschulen zeigt vor und während der Einführung des Ganztagsbetriebs Entwicklungsaktivitäten in beachtlicher Intensität – vielfach unabhängig von der Organisationsform der Ganztagsschule und der Dauer ihres Bestehens. Insgesamt wird deutlich, dass die Schulleitungen und Kollegien der Ganztagsschulen anspruchsvolle pädagogische Ziele verfolgen. Gleichzeitig werden aber auch in einem erheblichen Teil der Schulen konzeptionelle Schwächen deutlich, inbesondere bei der systematischen Ganztagsschulentwicklung und der pädagogischen Fundierung der Bildungskonzeption.
     

  6. Schulen in ihrer Entwicklung extern unterstützen und stärken

    Die Ergebnisse der StEG 2005 zeigen, dass sich eine systematische Schulentwicklungsarbeit
    positiv auf den Umfang und die Breite des Bildungsangebots sowie den Ausbaugrad der Ganztagsschulen auswirkt. Folgende Faktoren erwiesen sich als besonders bedeutsam in Schulentwicklungsprozessen: aktive Entwicklungsarbeit, Maßnahmen der Qualitätsentwicklung, erfolgreiches Management von Startproblemen sowie eine externe Unterstützung durch Information, Materialien, Beratung, Prozessmoderation und Fortbildung sowie strukturelle Hilfen in administrativer und finanzieller Hinsicht. Die innere Schulentwicklung verläuft vor allem dann erfolgreicher, wenn sie auf externe Unterstützung zurückgreifen kann. Die Schulen sollten daher in ihrer Entwicklung in den genannten Bereichen weiter gestärkt und unterstützt werden.
     

  7. Pädagogische Ziele in den Schulen überdenken; Lern- und Förderangebote stärken

    Deutlich wurde, dass die Innovationsbereitschaft im Kollegium und pädagogisch geleitete Zielorientierungen für das Ausbauniveau von Ganztagsschulen wichtig sind. Entscheidend für den Ausbaugrad ist aber offenbar, dass sich die Ganztagsschulen in ihren Zielen nicht nur darauf beschränken, Betreuungs- und Freizeitangebote zu verwirklichen. Vielmehr sollte es auch darum gehen, die Lernkultur zu entwickeln sowie die individuellen Begabungen und Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen zu fördern.
     

  8. Konzepte zwischen Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten entwickeln und verbindlich machen

    Ein beachtlicher Teil der Ganztagsschulen hat für den Ganztagsbetrieb ein Schulprogramm im Konsens entwickelt, in dem zur Gestaltung des Ganztags verbindliche Festlegungen getroffen wurden. Allerdings fehlt in den meisten Schulen noch eine konzeptionelle Verknüpfung zwischen Unterricht und außerunterrichtlichen Angebotsformen. Dieses Defizit besteht vor allem in jungen Ganztagsschulen und in offenen Modellen. Es ist jedoch wichtig, dass Inhalte und Methoden der Ganztagsangebote sowie spezifische Fördermaßnahmen auf den Unterricht abgestimmt werden, dass sie auf Bedarfe des Unterrichts reagieren und auch wieder Rückwirkungen auf den Unterricht haben.
     

  9. Unterrichtsentwicklung zugunsten von differenziertem Unterricht und individuellerFörderung vorantreiben

    An vielen Schulen werden vormittäglicher Unterricht und Ganztagsangebote am Nachmittag noch additiv betrachtet und führen ein eher unverbundenes Dasein. Besonders in offenen Modellen scheint der Ganztagsbetrieb keinen Veränderungsdruck auf den Unterrichtsvormittag auszuüben. Jedenfalls wird nur selten erkennbar, dass Ganztagsschulen den Unterricht dezidiert auf der
    Basis eines neuen Bildungskonzeptes entwickeln. Es muss also stärker darauf hingewirkt werden – zum Beispiel durch Fortbildung und Beratung –, dass Ganztagsschulen ihren Fachunterricht zugunsten von differenzierten Lerngelegenheiten und individueller Förderung weiterentwickeln.
     

  10. Zeit flexibel nutzen, Schultag pädagogisch rhythmisieren

    Mit der Ressource Zeit wird in den meisten Ganztagsschulen noch ganz konventionell umgegangen. Nur wenige Schulen haben sich vom Stundenrhythmus der 45-Minuten-Unterrichtseinheiten entfernt und neue Zeiteinheiten eingeführt. So finden sich nur bei einer Minderheit der Schulen eine flexible Zeitorganisation sowie Konzepte der zeitlichen Rhythmisierung. In diesem Bereich besteht also noch erheblicher Handlungsbedarf. Sinnvolle Unterstützungsmaßnahmen wären zum Beispiel Beratung und Fortbildung sowie Handreichungen und Materialien zum Thema.
     

  11. Organisations- und Kooperationskultur weiter entwickeln

    Umfang und Breite des Bildungsangebotes lassen sich auch durch eine entwickelte Organisationskultur positiv beeinflussen. Drei Faktoren können sich hier sehr förderlich auswirken: eine aktive Mitwirkung der Lehrer/innen im Ganztagsbetrieb, eine intensive Kooperation zwischen Lehrkräften und weiterem pädagogischen Personal sowie eine konzeptionell fundierte Verknüpfung zwischen Unterricht und außerunterrichtlichen Elementen, die im Schulkonzept verbindlich festgelegt wird. Diesen Bereichen sollte bei der Ganztagsschulentwicklung künftig besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Ein wichtiger Hebel für die Koppelung von Unterricht und Ganztagsangeboten ist die enge Kooperation zwischen Lehrerkollegium und dem weiteren pädagogischen Personal. Zahlreiche Schulen haben bereits feste Formen der Teamarbeit unter Lehrkräften etabliert, jedoch ist die Intensität der Kooperation häufig noch zu gering. Lehrkräfte und weiteres pädagogisches Personal müssen demnach noch an vielen Schulen eine intensivere Kooperationskultur mit institutionell festgelegten Strukturen entwickeln.
     

  12. Kooperationspartner sorgfältig auswählen und in Konzeptentwicklung einbeziehen; Vereinbarungen schließen

    Kooperationspartner sollten von den Schulen sorgfältig – entsprechend ihrer jeweiligen Ganztagskonzeption – ausgewählt werden. Am besten ist es, wenn die Partner bereits in die Entwicklung eines Ganztagsschulkonzepts einbezogen werden. Die wichtigsten Aspekte der Kooperationsbeziehung sollten in Vereinbarungen schriftlich fixiert werden. Eine gute Grundlage für die Kooperation von Ganztagsschule und Organisationen ist ein Konzept der „Öffnung von Schule“ bzw. der „Community Education“, das auch Festlegungen zur Nutzung von Lernorten und zum Lernen im Schulumfeld beinhaltet. Zudem sollte versucht werden, im Ganztagsbetrieb höher qualifiziertes Personal mit einem umfangreicheren Stundenkontingent einzusetzen. Schulen benötigen erhebliche Stundenkontingente, um Lehrkräfte am Ganztagsbetrieb zu beteiligen und deren Kompetenzen für die individuelle Förderung der Schüler/innen zu nutzen. Hilfreich wären dabei Maßnahmen der Personalentwicklung, insbesondere durch gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen, Coaching und Zielvereinbarungen. Vereine, Verbände und andere lokale Organisationen werden durch eine Kooperation mit Ganztagsschulen nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt. Die Kinder- und Jugendhilfe ist der konzeptionell wichtigste Kooperationspartner von Ganztagsschule und vor allem bei Fördermaßnahmen ein zentraler Partner, doch ist ihr Anteil unter den Kooperationspartnern noch nicht sehr hoch. Es wäre durchaus möglich, noch weitere Partner aus der Kultur- und Sozialarbeit für eine Zusammenarbeit zu gewinnen.
     

  13. Entlastung für Familien deutlich machen

    Das gesamte Familienleben wird durch den Ganztagsschulbesuch der Kinder keineswegs beeinträchtigt, vielmehr tendenziell gestärkt. Die StEG zeigt, dass Ganztagsschulen die „Work-Life-Balance“ der Eltern fördern und die Familien entlasten. Ein großer Teil der Eltern berichtet, dass der Ganztagsschulbesuch ihres Kindes bzw. ihrer Kinder mit erweiterten Chancen für ihre Erwerbstätigkeit und die beruflichen Perspektiven verbunden ist. Die positiven Effekte der Ganztagsschulteilnahme sollten auch von den Schulen offensiv in die öffentliche Debatte eingebracht werden, um Eltern für die Ganztagsschule zu gewinnen und die Teilnahmequoten der Kinder und Jugendlichen zu erhöhen. Würde das gelingen, könnten auch die pädagogischen Möglichkeiten der einzelnen Schulen verbessert und der
    Ausbau von stärker gebundenen Ganztagsschulsystemen vorangetrieben werden.

Schlussbemerkung

In diesem Sinne ist der Entwicklung von Ganztagsschulen vor allem eine „qualitative Wende“ zu wünschen, die drei Dimensionen beinhaltet: in konzeptioneller Hinsicht ein breites und zielorientiertes Bildungsangebot mit fundierter Bildungskonzeption, in partizipatorischer Hinsicht eine noch breitere Akzeptanz und Beteiligung auf Adressaten- und Akteursebene und in organisatorischer Hinsicht intelligente Steuerungsmodelle, kreative Organisationslösungen und intensive Kooperation in den Schulen.

 

Hinweis: Die Publikation ist ein Produkt der von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) geförderten Werkstatt „Entwicklung und Organisation von Ganztagsschulen“ am Institut für Schulentwicklungsforschung. Das Autorenteam der Werkstatt hofft, dass die im Folgenden präsentierten Ergebnisse allen Praktikern eine wertvolle Hilfe sein mögen und Weiterentwicklung auf vielfältige Weise anregen können.

 

Datum: 14.03.2008
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