Mechthild Denzer: Eine Ganztagsschule ohne gute Erzieher wird ärmer sein

 

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Mechthild Denzer, Bundesarbeitsgemeinschaft Katholischer Ausbildungsstätten für Erzieherinnen und Erzieher (BAKGAE)

Mit welcher Botschaft sind Sie nach Halle gekommen?
 „Das Interesse unseres Verbandes ist es, deutlich zu machen, dass die Fachschulausbildung eine qualifizierte Ausbildung im pädagogischen Bereich ist, die auf Augenhöhe mit allen anderen Professionen im Dialog sein kann, auch für Ganztagsschulen. Es ist uns wichtig darzustellen, dass wir unseren Platz in dieser Ganztagsschule sehen, dass wir eine besondere Art der pädagogischen Arbeit und besondere Qualifikationen einbringen. Unsere Absolventen stehen in einer engen Beziehung zum Kind, sie haben gelernt, pädagogische Prozesse vorzubereiten, durchzuführen und zu reflektieren. Sie können Gruppen führen, sind dazu ausgebildet, Gespräche mit Eltern zu führen, Kinder auch in ihrer Familie zu sehen und Netzwerke zu schaffen in ihrer Arbeit.

Warum ist Vielfalt im Erzieherberuf so wichtig?
Ich sehe, dass wir sehr viele verschiedene Menschen brauchen für diese Arbeit. Diversität gilt eben nicht nur auf Kinder- sondern auch auf Pädagogenseite. Zum Teil kommen Menschen aus Handwerker- oder künstlerischen Berufen zu uns, die mit Talenten aufwarten, die im akademischen Leben nicht anerkannt werden, die aber für Erziehungsarbeit einen hohen Stellenwert haben: Spontaneität, Zuverlässigkeit, Dialogfähigkeit, ein weiter Horizont und eine hohe Bereitschaft, sich auf unterschiedliche Menschen einzulassen. Unsere Absolventen entstammen sehr unterschiedlichen Zusammenhängen und tragen diese Bandbreite auch in die Ganztagsschulen hinein. Das ist wichtig, um auch alle Kinder wahrzunehmen und anzusprechen. Es gehen uns viele Kinder verloren, wenn die Verantwortliche alle der Bildungsbürgerschicht entstammen. Die Fachschulen werden zudem die ersten sein, die auch Migranten offenstehen, die einen höheren Männeranteil haben als alle anderen Ausbildungsgänge. Eine Ganztagsschule ohne gute Erzieherinnen und Erzieher wird ärmer sein. Und es ist ein Skandal, unter welch schwierigen Bedingungen sie arbeiten.

Welche Rolle spielt die Weiterqualifizierung in diesem Beruf?
Keine andere Berufsgruppe ist so ausbildungsfreudig und so gern gesehen in der Weiterbildung wie Erzieherinnen und Erzieher. Ganz anders als Lehrer, die gefürchtet sind in der Fortbildung. Aber ihre Fortbildungen müssen Erzieherinnen und Erzieher in ihrer Freizeit absolvieren und selbst bezahlen. Da wäre es denkbar, dass man das auch auf einem akademischen Niveau machen kann, Punkte sammelt und mit einem akademischen Abschluss belohnt wird, der sich in einem höheren Gehalt und mehr Verantwortung niederschlägt.

Wie sehen Sie die Perspektive für den Berufsstand?
Über viele Jahre hat sich für Erzieherinnen und Erzieher niemand interessiert. Erst seit der Jugendministerkonferenz 2000/2001 tauchen sie im politischen Gespräch wieder auf. Jetzt explodiert das Interesse, wir können uns vor Anfragen nicht mehr retten. Wir hoffen, dass das auch dazu beiträgt, dass Fachschulen mehr gewertschätzt werden. Wenn wir qualifizierte Erzieherinnen wollen, dann müssen wir die Fachschulen gut ausrüsten. Das ist für uns eine gute Zeit gerade. Ich finde, jetzt Pädagogin und Pädagoge zu sein, ist das Spannendste, was man tun kann, weil das Berufsfeld deutschlandweit in Bewegung kommt.

Datum: 25.05.2011
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