Ganztagsschule in der Ausbildung der Professionen

 

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Jürgen Oelkers

Fast die Hälfte aller Schulen in Deutschland arbeitet inzwischen in der einen oder anderen Form mit einem Ganztagsbetrieb. Dieser Tatbestand ist in der Ausbildung der verschiedenen Professionen, die an Ganztagsschulen tätig sind, bislang nicht oder nur höchst am Rande berücksichtigt worden. Dabei liegt die Frage auf der Hand.

„Die Personalstruktur an Ganztagsschulen unterscheidet sich deutlich von der an Halbtagsschulen. Im Ganztagsbetrieb sind zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig, die nicht als Lehrkräfte angestellt sind. Diese Gruppe ist sehr heterogen, sowohl im Hinblick auf ihre Qualifikation als auch in Bezug auf Umfang und Art der Beschäftigung“ (Ganztagsschule 2010, S. 23).

Die heutigen Ausbildungen beziehen sich curricular auf die Kernbereiche der jeweiligen Professionen und auf Schule nur im Sinne eines Tätigkeitsfeldes, das einzig in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung zentral gewichtet wird, ohne auf Ganztagsschulen zugeschnitten zu werden. Die neuen Anforderungen der Schulen, die ein ganztägiges Angebot anbieten, verändern jedoch die professionellen Aufgaben in einem ganz entscheidenden Sinne. An einer Ganztagsschule sind nicht mehr nur ausgebildete Lehrkräfte, Hausmeister und Sekretärinnen beteiligt, sondern auch

  • Erzieherinnen und Erzieher,
  • Personen der schulischen Sozialarbeit,
  • Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen,
  • andere pädagogische Fachkräfte,
  • andere Berufsgruppen
  • und Laien.

Sie bilden nicht, wie die Lehrkräfte an Halbtagsschulen, ein homogenes Kollegium, sondern organisieren sich – wenn das der Fall ist – in eigenen Berufsgruppen. Eigens vorbereitet oder weitergebildet für die Tätigkeit an Ganztagsschulen werden sie bislang nicht, und das trifft auch für die Lehrerinnen und Lehrer zu. Ganztagsschulen sind nicht verlängerte Halbtagsschulen, sondern mit besonderen Tätigkeiten und Entwicklungsaufgaben verbunden, auf die das Personal eingestellt werden muss. Die auf Erziehung und Unterricht in Ganztagsschulen ausgerichtete berufliche Kompetenz lässt sich nur mit gezielter Aus- und Weiterbildung beeinflussen. Hier müssen neue Anforderungsprofile entwickelt werden, die in den derzeitigen Ausbildungsgängen nicht vorgesehen sind. Das gilt auch für die angehenden Lehrkräfte, die zwar auf eine Tätigkeit in Schulen, nicht jedoch in Schulen mit Ganztagsbetrieb vorbereitet werden. Der Auftrag der nachstehenden Expertise erklärt sich aus diesem Tatbestand.

In der Expertise wurden insbesondere folgende sechs Fragestellungen bearbeitet und fokussiert:

Besondere Anforderungen ganztägiger Bildung:

  • Welche Fragen und Kompetenzen der Ganztagsbildung und Ganztagsschulentwicklung sollten in die Ausbildung und Qualifizierung der verschiedenen Professionen Eingang finden bzw. stärker fokussiert werden?
  • Praxiserfahrungen in der Ausbildung: Welche Bedeutung haben konkrete Erfahrungen von ganztägiger Bildung bereits in der Ausbildungsphase? Für welche Ausbildungsaspekte sind Praxiserfahrungen besonders wichtig und wertvoll? Inwiefern wird Praxiskontakt mit Ganztagsschulen bereits ermöglicht und welche guten Beispiele gibt es hierfür? Welche daru¨ber hinausgehenden Elemente und Ansätze wären sinnvoll?
  • Gemeinsame Ausbildung und Qualifizierung der Professionen: Welchen Stellenwert hat die gemeinsame Ausbildung oder Qualifizierung der verschiedenen Professionen für Ganztagsbildung? Welche Bedingungen sind für eine gemeinsame Ausbildung oder Qualifizierung wichtig? Welche Ansätze sind vielversprechend?
  • Selbst- und Rollenverständnis: Welchen Stellenwert haben Fragen des Rollen-/Selbstverständnisses der beteiligten Professionen? Bedarf es eines besonderen Rollen bzw. Selbstverständnisses der Professionen für ganztägige Bildung? Wie lassen sich diese Aspekte in der Ausbildung oder Qualifizierung sinnvoll aufgreifen?
  • Konkrete Gestaltungsfragen: Welchen Stellenwert haben welche konkreten Gestaltungsfragen einer Ganztagsschule (z. B. Rhythmisierung, Hausaufgaben und Lernzeiten, Lebensweltorientierung und Partizipation) fu¨r die Ausbildung bzw. Qualifizierung der Professionen?
  • Schulentwicklungsaspekte: Inwiefern werden in der Ausbildung der Professionen Themen der Schul-, Organisations- und Personalentwicklung sowie von Schulmanagement und Kooperation behandelt? Welche Rolle sollten sie spielen?

 

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Datum: 21.07.2011
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