Bettina Bundszus: Ganztagsschule und Ausbildung

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Die Einführung von Ganztagsschulen in Deutschland stellt die tiefgreifendste, bundesweite Erneuerung dar. Mittlerweile haben wir fast jede zweite Schule im Primar- und im Sekundbarbereich I-Bereich im Ganztag. Das ist, gerade aus westdeutscher Sicht, ein durchschlagender Erfolg, ein dickes Brett konnte auf jeden Fall schon mal durchgebohrt werden. Wenn ich mich an die ganzen ideologischen Diskussionen erinnere, die rund um die Ganztagsschule geführt worden sind, das ist für mich als Historikerin interessant, aber ich bin froh, dass wir darüber hinweg sind.

Die Erneuerung der Schullandschaft verbessert vor allem das Leben von Kinder und Jugendlichen und ihrer Eltern, ein Mehr an Betreuung, ein Mehr an Bildung wird geboten. Wir wissen mittlerweile aus der Forschung, dass Ganztagsschulen das Sozialverhalten von Heranwachsenden positiv beeinflussen, sie entlasten Familien und, wenn die Qualität der Angebote stimmt, erzielen die Schülerinnen und Schüler der Ganztagsschulen bessere Lernerfolge. Diese zentralen Befunde unserer empirischen Begleitforschung, der StEG-Studie, zeigen, wie wichtig Ganztagsschulen und ihre pädagogische Qualität sind, wenn wir Bildungsprozesse in der Breite verbessern wollen. Die Akzeptanz von Ganztagsschulen steigt zunehmend, 61% der Eltern möchten ihre Kinder auf eine Ganztagsschule schicken und drei Viertel der Bevölkerung würden sogar mehr Steuern zahlen für höhere Investitionen in der Bildung, das haben uns gerade sowohl die Allensbach Studie als auch die Bertelsmann Studie aktuell bestätigt.

Mit unserem Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ haben wir zwischen 2003 und 2009 über 8200 Schulen dabei unterstützt, (wir haben neue Zahlen), eine Mensa zu bauen, neue Räume zu schaffen, Schulhöfe für die Umstellung auf den Ganztagsbetrieb zu schaffen. Die einzelnen Länder  - wie auch Sachsen-Anhalt - setzen alles daran, Ganztagsschulen weiter auszubauen und das, was wir heute von Ihnen gehört haben, sehr geehrter Herr Minister, bestätigt noch einmal, dass wir heute am richtigen Ort sind.

Um das Potenzial des ganztägigen Schulkonzepts ausschöpfen zu können reicht es jedoch nicht aus, dass die Zahl der Ganztagsschulen stetig weiter steigt, sondern es kommt auf die Qualität an, auf die Qualität der Angebote und damit auch auf die Qualität der Ausbildung all derjenigen, die an diesen Schulen arbeiten. Sie, verehrte Prof. Oelkers, haben die Ausbildung von Fachkräften dafür in den Blick genommen, ich zitiere Sie: „Ganztagsschulen sind eben nicht verlängerte Halbtagsschulen, sondern sie sind verbunden mit besonderen Tätigkeiten und Entwicklungsaufgaben, auf die das Personal eingestellt werden muss.“ Davon ausgehend haben Sie die Qualität der Ausbildung untersucht und werden uns heute exklusiv Ihre aktuelle Expertise im Eröffnungsvortrag vorstellen.

Beim ersten Transferforum in Frankfurt im vergangenen Jahr haben wir uns damit auseinandergesetzt, welche Ausbildung Lehrkräfte brauchen, wenn sie den Alltag an einer Ganztagsschule erfolgreich gestalten und auch für sich meistern wollen. Heute soll der Fokus auch auf alle anderen gerichten werden, auf die Professionen der Erzieherinnen und Erzieher, der Sozialpädagogen, schlicht auf alle weiteren, pädagogisch tätigen Mitarbeiter.

Das Frankfurter Transferforum hat in den Ländern bereits erste Anstöße für ihre Arbeit gegeben, in Bremen planen Behörde, Lehrerfortbildungsinstitut und die Serviceagentur ein Orientierungspraktikum für Lehramtsstudierende, im Saarland wird ein runder Tisch initiiert, die dortige Serviceagentur unterstützt das Lehrerbildungszentrum und vermittelt Kontakte für Studierende an Ganztagsschulen, in Thüringen wird die junge Tradition der Ringvorlesungen mit dem Thema Ganztagsschulen an der Universität Jena weiter fortgesetzt. Dies sind nur einige gelingende Beispiele.

Aber, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen wollen, brauchen wir zunächst erst mal eines, und das ist ein Seil, ein möglichst starkes natürlich. Doch was macht so ein starkes Seil aus? Viele Fäden laufen in ihm zusammen, sie sind eng miteinander verflochten, jeder Faden ist wichtig. Denn reißt einer, fasert dieses Seil früher oder später aus, es verliert schließlich seine Kraft. Was bedeutet das im übertragenden Sinne für die Zusammenarbeit in einer Ganztagsschule? Wie kann dort die unabdingbare interprofessionelle Zusammenarbeit wirklich gelingen? Man muss schlichtweg lernen, so ein Seil zu flechten. Jeder Faden ist wichtig. Diese Erkenntnis klingt so banal und stellt in der Realität doch eine so große Herausforderung dar. Die Ausbildungen der Pädagogen sind unterschiedlich, vor allem auch die Bezahlung. Der Dienstherr ist zum Teil ein anderer. Das Selbstverständnis des jeweiligen pädagogischen Handelns ist verschieden. Der Blick aufs Kind ist ein jeweils anderer. Durch diese unterschiedlichen Vorstellungen können Konflikte entstehen, auch wenn das Ziel, für Kinder und Jugendliche ein bestmögliches Lernumfeld zu gestalten, ein und dasselbe ist. Für mich ist das Schlüsselwort dabei die vielbeschworene Augenhöhe und diese gilt es einzunehmen. Nicht nur jeder Faden ist wichtig, sondern jeder Blick aufs Kind ist gleich viel wert, wenn es darum geht, diese kleinen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, sie individuell und bestmöglich fördern zu können. Wie ein haltbares und starkes Seil geflochten werden muss, muss gelernt werden und da besteht noch großer Handlungsbedarf.

Es gibt fruchtbare Ansätze, wie in der Ausbildung auf die Besonderheiten des Ganztags eingegangen werden kann, die Wissenschaft gibt erste Antworten und wir können, das werden wir auch heute, vom Wissen der Experten aus der Praxis profitieren. In Vorbereitung auf heute habe ich gelesen, dass Ihr Ministerium gemeinsam mit dem Ministerium für Gesundheit und Soziales und dem Paritätischen Bildungswerk in Sachsen-Anhalt eine begleitende Tandemfortbildung von Schulsozialpädagogen und Lehrkräften entwickelt hat, um die interdisziplinäre Zusammenarbeit zur Schulerfolgssicherung zu qualifizieren. Das ist schon mal ein wirklich gutes Beispiel, vorbildhaft, und von diesen Ansätzen werden wir heute noch hören und vor allen Dingen auch gemeinsam diskutieren. In vielen Ländern steht die Reform der Lehrerausbildung und -fortbildung auf der Agenda.

Das Zeitfernster um das Seilflechten zu lernen, frühzeitig zu lernen, steht also weit offen und viele von denen, die dafür Verantwortung tragen, sind heute hier. Darüber freue ich mich ganz besonders, dass unser Transferforum Sie, die Sie heute hier sind, erreicht hat und ich bin mir sicher, dass wir miteinander eine ganz fruchtbare Veranstaltung haben werden. Der Bund wird die Bemühungen über das Programm „Ideen für mehr. Ganztägig Lernen“ weiter unterstützen, wir möchten ein verlässlicher Partner sein an dieser Stelle, wenn auch die Musik in den Ländern spielt. In diesem Sinne wünsche ich uns eine instruktive und anregende Veranstaltung und vor allem viele starke Seile, an denen viele gemeinsam ziehen. Vielen Dank.

Vortrag im Rahmen des 2. Transferforums am 19.Mai in Halle
Transkript der Eröffnungsworte

Datum: 20.07.2011
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