Annemarie von der Groeben: Das Lernen und das Denken öffnen

 

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Dr. h. c. Annemarie von der Groeben, Tabula e.V. (rechts)

Mit welcher Botschaft sind Sie nach Halle gekommen?
Die Ganztagsschule ist eine riesengroße Chance, aber man muss sie auch nutzen. Und da sind wir noch nicht.

Was muss sich ändern?
Lehrerinnen und Lehrer müssen noch stärker umdenken. Sie denken: ich bin ausgebildet in Erdkunde, Mathematik oder Sport, und wenn ich fertig bin, gehe ich nach Hause. Das ist nicht Ganztagsschule. Ganztagsschule heißt, dass sie den ganzen Tag und gemeinsam mit den anderen Lehrern mit Blick auf die Kinder die ganze Bildung und den ganzen Menschen im Auge haben müssen. Im Ganztagsmodell stecken viele ungenutzte Lernchancen. Wenn ich zum Beispiel eine Unterrichtseinheit mache, sagen wir über das Mittelalter, dann ist es üblich, aus einem Geschichtsbuch zu lernen. Die Ganztagsschule ermöglicht es zu sagen: jetzt gehen wir in die Stadt und erforschen die Spuren unserer Vergangenheit. Man kann die Schule, das Lernen und das Denken öffnen für die großen Erfahrungsmöglichkeiten, die es außerhalb des Schulbuchs und des geschlossenen Klassenzimmers gibt. Wenn man dem Problem der wachsenden Heterogenität und Ungerechtigkeit der Bildungschancen wirksam entgegen treten will, muss man das Lernen in größeren Zusammenhängen und gemeinsam mit anderen sehen. Es gilt, alle Lerngelegenheiten zu nutzen und dabei jedes einzelne Kind im Blick zu haben. Das ist mein Hauptanliegen: Die Ganztagsschule erfordert ein Umdenken aller Beteiligten und ganz besonders im Kern des Unterrichts.  

Was heißt das in der Praxis?
Das Lernen muss in ganz neuen Zeittakten, in einer neuen Rhythmisierung geschehen. An der Laborschule Bielefeld machen wir es so. Wir gestalten das Lernen so, wie wir es für richtig erachten. Erst kurz vor dem Ende coachen wir die Schüler für die Prüfungen, die auf sie zukommen. Denn die Schule ist für das Kind da und nicht umgekehrt. Umdenken muss auch heißen, dass die fachlichen Standards nicht absolut gesetzt sind und ich den Kindern nicht sage: entweder ihr schafft’s oder ihr schafft’s nicht. Ich bin doch dafür verantwortlich, wenn sie es nicht schaffen. Ich möchte, dass auch ganz schwache Schüler Goethe lesen. Dafür muss man seine Fantasie einsetzen, um alle Kinder mit einem interessanten Angebot zu erreichen. Das individuelle Potenzial zu gut wie möglich nutzen, das ist unsere Aufgabe, und das geht im Ganztag natürlich viel besser als im Halbtag.

Datum: 25.05.2011
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