Organisationsformel für Freiarbeit

„Lernen können die Kinder nur selbst.“ Aus diesem Grund wurde die „Lerntheke“ als grundlegendes Organisationsprinzip an der Ganztagsgrundschule Liebertwolkwitz eingeführt. Diese Methode veränderte nicht nur die Schulorganisation, sondern auch die Haltung der Lehrerinnen und Lehrer zu den Kindern.

Schule Liebertwolkwitz
Am Angerteich 2
04288 Leipzig
Gebundene Ganztagsschule
Bundesland: Sachsen  
Telefon: 034297/40 110

Die Lerntheke kam mit Schulleiter Christoph Arnold in die Grundschule. Als offene Unterrichtsform ähnelt sie dem Wochenplan oder dem Lernen an Stationen. Materialien stehen nach dem Prinzip einer Theke zur Verfügung. Die Kinder arbeiten in einer Lernumgebung, in der Lehrerinnen und Lehrer als Beraterinnen und Berater helfen, die dort ausgelegten Lernziele zu erreichen. Die Lehrplanvorgaben der Grundfächer Deutsch, Mathematik und Sachkunde sind die Ausgangspunkte für eine Materialsuche der Kinder. Christoph Arnold hat sich mit den Materialangeboten wenig Umstände gemacht. Die ausgeteilten Lehrbücher, eine gut gefüllte Schulbibliothek und das, was von den Kindern selbst mitgebracht wird, muss reichen. Fehlt was, sorgt er für die passende Unterstützung.

Die Grundschule Liebertwolkwitz hat für ihr Veränderungsvorhaben im Rahmen der Mitarbeit im Netzwerk Ganztagsschule eine Zielvereinbarung geschlossen.

Die „Lerntheke“ steht als Synonym für etablierte „Freiarbeit“ und wurde über Jahre in eine auf die Methode abgestimmte Schulorganisation eingebettet. Im Folgenden werden zentrale Kategorien einer nachhaltigen Einbettung in den Schulalltag beschrieben:

  1. Einführung eines Grundunterrichts
    Die Hauptfächer Deutsch, Mathematik und Sachkunde werden als Grundunterricht zusammengefasst. 
  2. Prinzip der Klassenlehrerin bzw. des Klassenlehrers
    Der Grundunterricht (und damit bis zu 13 Wochenstunden) wird von nur einer Lehrerin bzw. einem Lehrer besetzt. 
  3. Dreiteilung des Grundunterrichts
    Die Stunden des Grundunterrichts verstehen sich als ein Pool, der auf dreifache Weise gegliedert wird. Neue Wissens- bzw. Lerngebiete werden meist durch eine Exkursion oder eine Passage vermittelnden Unterrichts eingeführt. Für die Freiarbeit, wie die Art und Weise der Lerntheke grundsätzlich zu beschreiben ist, verbleiben meist zwei Drittel des Grundunterrichts. Es liegt in der Hand der klassenführenden Lehrerin oder des Lehrers, in welchem Verhältnis dieses Methodenspektrum ausbalanciert wird. Für die Exkursion ist ein Tag der Woche besonders geeignet, an dem die Kinder den ganzen Tag Grundunterricht haben, der lediglich von einer Sporteinheit unterbrochen wird. Die kann leicht ausfallen, wenn die Klasse auf eine Reise zu anderen Lernorten geht.
  4. Lerntheken-Heft
    Die Schüler stehen in Verantwortung und pflegen ein eigenes Lerntheken-Heft. In diese selbstgebastelten Hefte sind die in die „Ich-Form“ gewandelten Lernziele eingeklebt und damit „Leitfaden“ für das autodidaktische Arbeiten. Die Reihenfolge und das Tempo bestimmen die Kinder selbst.
  5. Bewertung auf Abruf
    Findet ein Kind, dass es das anvisierte Lernziel erreicht hat, stellt es sich bei der Lehrerin oder dem Lehrer vor. Dann wird entweder schriftlich oder mündlich geprüft, ob die Anforderungen bewältigt werden und die Kompetenzen abrufbar sind. Bei erfolgreichem Abschneiden gibt es eine „Signatur“ im Lerntheken-Heft.
  6. Portfolio-Ablage
    Belege und Produkte, die Lernerfolge zeigen bzw. die deutlich machen, auf welchem Weg die Kinder zu ihrer Sicherheit gekommen sind, werden in einem Portfolio-System gesammelt. Die Sammlung unterstützt vor allem die Lehrerinnen und Lehrer bei der individuellen Begleitung.
  7. Material-Theke
    Jedes Kind greift auf eine individuelle Theke zu, die sich in einer separaten Ablage im Regal befindet. Darüber hinaus versteht sich der Klassenraum als eine Materiallandschaft. Aber vor allem und in besonderer Weise die schuleigene Bibliothek.

Lerntheken-Heft

Auf die Frage, wie sich die Freiarbeit an der Schule ausbreiten konnte, berichtet Christoph Arnold: „Ich musste mal weg und damit vertreten werden.“ Die vertretende Lehrerin setzte sich zu den Kindern und war verblüfft. Die selbstständig arbeitenden Kinder überzeugten sie durch Selbstdisziplin und Zielstrebigkeit. Nach nur kurzer Zeit führte auch sie und dann weitere Kollegen Lerntheken ein. Mit dem Wechsel der stellvertretenden Schulleitung wurde obendrein eine „systemische“ und somit nachhaltige Organisationslösung gefunden (siehe Punkt 1-3).

Freiarbeit mit Raumkonzept
Seit einem Jahr hat Arnold die Arbeit am Raumkonzept aufgenommen. Für ihn ist der Raum dritter Pädagoge und damit wichtige Ressource. Die nur noch relativ kurzen Zeiten lehrgangsförmigen Lernens rechtfertigten keine zentrale Position der Tafel. In einem ersten Schritt wurden die Bänke seitlich zum einst dominanten Lehrinstrument gestellt. Jetzt werden Nebenräume umorganisiert, damit Kinder bei der Freiarbeit ausweichen können. Damit stand auch das Zimmer der Stellvertreterin auf dem Prüfstand. Um den Veränderungsweg nicht aufzuhalten, zog sie mit der Stundenplantafel in das Lehrerzimmer. Damit war für diejenigen Kollegen ein Zeichen gesetzt, die sich von den anstehenden Veränderungen irritiert fühlten.

Positive Nebenwirkung: Transparenz und Partizipation
Schulleiter Arnold konnte dabei nicht vorhersehen, dass die nun im Lehrerzimmer platzierte Stundenplantafel für alle zugänglich wurde. Das lud ein, mitzumachen, um die Schulorganisation zu optimieren und sich an der komplexen Aufgabe der Stundenlegung zu beteiligen. Auf diese Weise entstand eine vortreffliche Planung, die das individualisierte Lernen mittels Lerntheke erheblich vorantrieb.

Schulleiter-Motto: Sieben Schritte vor und zwei zurück
Arnold selbst beschreibt die Entwicklung seiner Schule so: „Sieben Schritte vor und zwei Schritte zurück“. Seine Risikobereitschaft überträgt er durch einfache Strategien auf sein pädagogisches Team. Ein Beispiel war der Übergang in die gebundene Ganztagsschule. Sein Angebot an das Kollegium: „Wir ziehen das mal sechs Wochen durch und dann schaffen wir die Sache wieder ab, vielleicht lassen wir die Hälfte übrig. Egal was übrigbleibt, wir haben sechs Wochen Zeit.“ Geblieben ist nicht nur ein rhythmisierter Schultag, sondern auch eine rhythmisierte Schulwoche.

Montag bis Mittwoch beginnt die Schule um 7:30 Uhr. Die Kinder ziehen dann bis 9:00 Uhr in Sportangebote, die von außerschulischen Partnern und dem eigenen Sportverein organisiert werden. Die Kinder können sich für Reitsport, Schwimmen, Tanzen, Skitraining und andere Sportarten eintragen. Die Lehrerinnen und Lehrer kommen dann zur dritten Stunde. Die Mittagspause verschiebt sich an diesen Tagen.

Donnerstag und Freitag starten die Kinder um 7:45 Uhr. Der Donnerstag wird auch „Werkstatt-Tag“ genannt und ist den Exkursionen und der Projektarbeit vorbehalten. Schulleiter Arnold beendet die Woche mit einer Vorlesestunde und lädt Kinder ein, am Wochenende weiter zu lesen.
 

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