Reportage Kongress 2005

 

„Bei uns wird ganz viel gemacht“, meint eine Schülerin der Warnowschule in Papendorf, Mecklenburg-Vorpommern, und zeigt ihr blaugrünes T-Shirt, auf dem das Logo der Schule prangt. „Das ist keine Schulkleidung. Wir tragen die Shirts, weil wir Lust darauf haben.“ Motivation statt Zwang kennzeichnet ein Denken, das die Ganztagsschulbewegung ausmacht. Die Warnowschule ist eine Ausstellerschule auf dem bundesweiten Ganztagsschulkongress, der am 2. und 3. September 2005 im Berliner Congress Center stattfand. Eine von 28 Schulen, die beweist, wie viel kreatives Potenzial Ganztagsschulen freisetzen können, wenn ihnen Zeit und Gestaltungsspielraum zugestanden wird. Mit dem ersten von Schülern und Lehrern selbst bepflanzten Schulwald in Mecklenburg-Vorpommern ist die Warnowschule eine „grüne“ regionale Schule. Individuelle Förderung wird an dieser Schule durch kompetenzfördernde Unterrichtsformen verwirklicht und in einem Zeugnis dokumentiert.

Ganztagsschulen – eine starke Bewegung

Individuelle Förderung ist das Thema des 2. Ganztagsschulkongresses. Über 1.400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren aus allen Bundesländern und dem europäischen Ausland zum Kongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) geströmt. Mit den kämpferischen Worten „Das können wir uns nicht leisten“, eröffnete Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn den Kongress und sagte einem Bildungssystem, das soziale Ausgrenzung und Selektion birgt, den Kampf an. 5000 Ganztagsschulen will sie bis Ende des Jahres auf den Weg bringen. "Dann ist die Hälfte des Weges geschafft.“ Rund 10.000 Ganztagsschulen sind die Perspektive bis zum Jahr 2007, damit wären ein Viertel der Schulen in Deutschland für ganztägiges Lernen offen. Der brausende Applaus des Publikums sichert ihr Zustimmung und Unterstützung. Gute Chancen dieses Ziel zu erreichen, sieht Klaus Böger, Vizepräsident der Kultusministerkonferenz und Bildungssenator von Berlin: „In Berlin können wir uns vor Anträgen, Ganztagsschule zu werden, nicht retten“. Er plädiert für einen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik und fordert mehr Eigenständigkeit für Schulen ein.

Prof. Dr. Rita Süssmuth, Mitbegründerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, setzte auf die Erziehung zum „zivilisierten Menschen“ und auf Kontinuität. Ihr Ziel ist es, vor allem benachteiligte Kinder durch Ganztagsschulen ganzheitlich zu fördern. Sie regte an, „auf den Prozess zu schauen, nicht nur auf die Ergebnisse“. Denn „Kinder fragen nicht, ob das Bildungssystem zentralistisch oder föderalistisch organisiert ist, sondern sie fragen nach ihren Bildungschancen“.

„Weißt du, was ich kann?“

Was Schülerinnen und Schüler bewegt, was sie denken und was sie sich fragen, erfuhren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses durch den Kurzfilm „Weißt du, was ich kann?“ Die vielen Lacher aus dem Publikum deuteten an, dass sich der eine und die andere an die eigene Schulwirklichkeit erinnert fühlten. Entsprechend heiter fiel die anschließende Diskussion mit den jugendlichen Filmemachern, Ivo Betke und David Weigend und dem Ganztagsschulbotschafter und Schauspieler Peter Lohmeyer aus. Auch wer eine wechselhafte Schulkarriere erlebt hat, muss nicht zwangsläufig ein Versager sein. Vielmehr hat jedes Kind Stärken, die es zu entdecken und fördern gilt, lautete das einhellige Credo.

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Dr. Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, fasste die Stimmung der Teilnehmer mit dem Bild vom Fisch und Fischer zusammen. „Wir sind hier zugleich Fischer, um (Erfahrungen) zu sammeln und einzufangen als auch Fisch, um sich (vom Thema Ganztagsschule) anziehen und einfangen zu lassen.“

Vom Lehren und Lernen

Dass dieses Bild traf, wurde in den Arbeits- und Regionalforen deutlich, in denen es viel Raum für Informations- und Erfahrungsaustausch gab. Hier zeigte sich, dass die meisten Teilnehmer nicht nur Beteiligte, sondern auch Betroffene sind. Und dass Lehrerinnen und Lehrer auch Lernende sind. Individuelle Förderung stellt sie vor riesige Anforderungen, die „oft in Überforderung münden“, konstatierte Bärbel Brömer vom Institut für Qualitätsentwicklung in Wiesbaden. Dabei gleiche der Lernprozess von Lehrern in vielen Fällen denen der Kinder. Sie müssen erst einmal bei sich selbst beginnen. Förderung und Fortbildung von Lehrern werden im Bundesland Hessen in so genannten Mitarbeitergesprächen oder Zielvereinbarungen festgeschrieben. Ob Mitarbeitergespräche der Kontrolle oder der Weiterentwicklung der Lehrenden dienen, wurde kontrovers diskutiert. Konsens besteht darüber, „dass Lehrende eine Rückmeldung zu ihrem Unterricht wollen“.

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„Wie kann ich etwas bewegen, wenn ich in den letzten drei Jahren an drei verschiedenen Schulen unterrichtet habe, die geschlossen wurden?“ fragte eine Lehrerin aus Brandenburg die Diskussionsrunde. Nicht auf alle Fragen wurden befriedigende Antworten gefunden, aber Mut zum Weiterentwickeln und -bewegen gemacht.

Lernen ohne Grenzen

Über die Ländergrenzen hinweg, aber auch über die Besonderheiten in den einzelnen Bundesländern informierten die Regionalforen. Mittlerweile existieren zwölf Regionale Serviceagenturen „Ganztägig lernen“, die Schulen vor Ort beraten und vernetzen. In Sachsen ist ein Kooperationsvertrag zur Einrichtung einer Servicestelle auf dem Weg. Alle anderen neuen Bundesländer haben schon Regionale Serviceagenturen. Das verwundert nicht, „denn die Schulen im Osten sind keine Anfänger in Sachen Ganztagsschulen“, wies Bildungssenator Klaus Böger hin.

Über Stolpersteine und Gelingensbedingungen von schulischer und außerschulischer Kooperation berichtete Katrin Kantak von der Landeskooperationsstelle für Schule und Jugendhilfe bei KoBra.Net, Brandenburg. In der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass Hürden zwar ernst zu nehmen sind, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich jedoch eher an positiven Modellen orientieren und neugierig auf Erfahrungen aus anderen Schulen und Regionen sind.

„Du kannst es, mach es!“

So definierte Jorma Lempinen, Schuldirektor und Vorsitzender der Finnischen Schulleiterorganisation SURE-FIRE, im Abschlussgespräch die Philosophie der finnischen Bildungspolitik. Finnland, der zweimalige Klassenprimus bei PISA, erstaunt durch ein Bildungssystem, welches nur Ganztagsschulen kennt und durchweg auf Autonomie setzt: Eigenverantwortlichkeit der Schulen, die über ein eigenes Budget verfügen, Lehrer selbst einstellen und bezahlen. Schüler, die ihre Schule und Fächer auswählen und den Abiturtermin selbst bestimmen.

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Für Jorma Lempinen heißt das Schlüsselwort Vertrauen. Prof. Dieter Lenzen, Erziehungswissenschaftler und Präsident der Freien Universität Berlin, ergänzte diesen zentralen Begriff um die weitere Bedeutung des Wortes, des Zutrauens. Zutrauen und Vertrauen in die Stärken der Lernenden. Er würde sich in Deutschland eine Aufbruchstimmung des Sich-Unter-Hakens wünschen. Jorma Lempinen rät „Es gibt nichts Gutes außer man tut es“.

„Wer zwei Mal kommt, kommt auch ein drittes Mal“

verspricht ein finnisches Sprichwort. Und so wird die „Aufbruchstimmung“, von der Heike Kahl Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in ihrem Schlusswort zum 2. Ganztagsschulkongress spricht, für weitere Bewegung und ein Wiedersehen zum Thema ganztägiges Lernen sorgen. Es waren zwei heiße und rasante Tage. Beim letzten Bummel durch die Ausstellungen der Schulen lockt die Spreewald-Grundschule in Berlin zum Besuch ihres wunderschönen Schulhofes. Wer Lust auf gute Küche verspürt, sollte in der Mittagszeit bei der Offenen Schule Kassel-Waldau hereinschauen. Nicht nur jedes Kind hat Stärken, jede Ganztagsschule hat sie auch.

 

Autorin: von Cornelia Alban