Grußwort Prof. Dr. Rita Süssmuth

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Einleitung der Moderatorin

Elf Jahre ist es nun her, sehr verehrte Gäste, da hatte die damalige Bundestagspräsidentin, Prof. Dr. Rita Süssmuth eine Vision. Sie wollte gerne – die Bundesrepublik war ja gerade erst frisch vereint – gleiche Startbedingungen und Bildungschancen für alle Jugendlichen schaffen und hat deshalb damals zusammen mit den ostdeutschen Ministerpräsidenten die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) gegründet. Mittlerweile ist diese Stiftung längst wichtiger unabhängiger Bündnispartner für alle Kinder und Jugendlichen. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung übernimmt eine Mittlerfunktion zwischen Kommunen, Ländern und dem Bund. Der Bund kann nicht bis ans Schultor gehen. Die Stiftung kann es. Sie ist ein ganz wichtiger Katalysator bei oft widerstrebenden, widersprüchlichen Interessen und ist außerdem ein aktiver Teil einer großen, wichtigen Bewegung, nämlich einer Bewegung für mehr Jugend und Zukunft. Rita Süssmuth darf ich sehr herzlich auf die Bühne bitten. Sie ist Erziehungswissenschaftlerin und Politikerin und eine treibende Kraft dieser Bewegung und darüber hinaus nach wie vor eine sehr wichtige Beraterin für die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung.

 

Grußwort von Prof. Dr. Rita Süssmuth - Freitag, 2. September 2005, 11 Uhr

Herr Botschafter, Frau Ministerin Bulmahn, Frau Ministerin Wanka, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses zweiten Bildungskongresses. Zunächst möchte ich Sie beglückwünschen, dass Sie in so großer Zahl hier erschienen sind. Ich wünschte mir, es würde in der Bundesrepublik weit mehr über das hohe Engagement des größten Teils unserer Pädagogen gesprochen, als ständig nur über die Frustrierten und was alles nicht gelingt. Ich weiß, dass es anders ist. Ich spreche hier kurz als, wie eben schon gesagt, Gründerin der Kinder- und Jugendstiftung, eigentlich aber heute weit mehr in ihrem Namen, weil sie ja den Auftrag hat von der Bundesregierung, mehr Ideen für ganztägiges Lernen zur Verfügung zu stellen und eine Vermittlerin zu sein zwischen Bund und Ländern.  Ich muss Ihnen einfach sagen, durch die langjährige Zusammenarbeit und Arbeit in dieser Stiftung mit einer hervorragenden Geschäftsführerin, Heike Kahl, und ihrem Team:  Wenn Sie sich anschauen, wiedie hier gearbeitet haben, um diesen Kongress zu verwirklichen, dann können Sie sehen, was auch kleine Teams mit hohem Engagement erreichen können. Ich sage aus meiner eigenen politischen Erfahrung: Wir nutzen in der Politik die Think Tanks und das Engagement unabhängiger Stiftungen – das ist ja Zivilgesellschaft – viel zu wenig. Also, so nach dem Motto „Wir wissen schon was richtig ist, lass die mal machen“. Dabei sind wir ganz entscheidend in unseren politischen Entscheidungsvorgängen angewiesen auf das, was in der Gesellschaft gedacht wird und an Engagement besteht. Ich erinnere mich noch, in den siebziger Jahren, da waren  „Tagesmütter“ r das Sozialistische vom Sozialistischen. Das können sich skandinavische Länder gar nicht vorstellen. Aber wir sind immerhin lernfähig. Heute wird oft gesagt: Das ist ja viel besser als Kinderkrippen. Also, es geht dann immer wieder hin und her, aber das waren alles Initiativen von Bürgerinnen und Bürgern. Denken wir an das, was die Ministerin Bulmahn über Vielfalt und Angebote in den Schulen gesagt hat, zum Beispiel in einem Land wie Nordrhein-Westfalen, ich könnte auch andere nennen, ist es erstaunlich, was dort von Stiftungen, ob es die Bertelsmann Stiftung ist oder der Virtuose und Dirigent Menuhin gefördert und erreicht wurde. Der hatte bis in sein höchstes Lebensalter eine Idee: Kinder durch musische, hohe künstlerische Erziehung von aggressiven Staus zu befreien und sie konstruktiv in die Entwicklung zu bringen. Und wir erleben das. Es ist nicht einfach so, wie viele denken, dass das Musische, das Sportliche, die luxurierte Gesellschaft oder die Kuschel-Pädagogik ist, nein, es ist tiefster Anteil menschlicher und auch kognitiver Entwicklung. Gott sei Dank, dass wir die Hirnforschung haben. Davon haben wir Frauen profitiert, weil nun beide Hirnhälften endlich anerkannt sind. Durch die Hirnforschung haben wir gelernt,  was musikalische Anreize schon im frühesten Kindesalter für die Entwicklung von Kindern bedeuten.

Heute ist mir wichtig, dass das, was verstärkt wieder einmal auf den Weg gebracht worden ist, in Austausch gerät, vernetzt wird, wie man ja jetzt heute immer wieder sagt, dass es gelingt und dass es kontinuierlich bleibt. Ich möchte eigentlich für all die Engagierten der siebziger Jahre sagen: Jahrzehnte haben wir gearbeitet für ein anderes Bildungskonzept und für das Ende des ideologischen Streites. Wenn Sie in die besten Zeiten der Reformpädagogik zurückgehen, dann stoßen Sie auf die entscheidende Frage: Was geschieht in einer Bildungseinrichtung? Anstatt über Namen zu streiten, sollten wir hinschauen, was passiert. Dass wir in den meisten Ländern der Welt ganztägige Strukturen haben, heißt ja noch nicht, dass Ganztägig eine Unterrichtsschule bedeutet. Die französische Ganztagsschule, die schon sehr stark schulisch ausgerichtet ist, hat beispielsweise weniger Unterrichtsstunden in der Grundschule als in Deutschland. Zu meinen, dann haben wir eben das Doppelte an Unterricht, entspricht nicht der  Profilbildung von Ganztagsschulen. In einer veränderten Welt ist doch unsere Frage nicht mehr, ob ein ganztägiges Gestaltungsprogramm für Kinder sie dem Elternhaus entzieht, sondern wie wir neu die Zusammenarbeit zwischen Schule, Elternhaus und einer offenen Schule in die Kommune hinein mit ihren vielen Partnern gestalten können. Und da möchte ich Ihnen einfach Mut machen. Wir, die wir damals andere Schulstrukturen im Sinne der Reformpädagogik wollten, sind ja zunächst mal gescheitert. Und das habe ich oft auch in der Politik erlebt. Aber  heute stehen wir hier und können sagen: Einmal gescheitert heißt nicht für immer gescheitert, denn es gibt auch Fortschritte und man muss beharrlich bleiben, gerade wenn man gescheitert ist. Denn meistens sagt man: Das hat alles keinen Zweck, das ist vergeblich. Aber wenn Menschen nicht mehr träumen und an einer Vision festhalten können, dann sind sie viel labiler. Sie brauchen andere, die ihre Ziele mittragen. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn Sie hinreichend Kolleginnen und Kollegen haben und Partner, die sagen: „Wir geben nicht auf, das wollen wir doch mal sehen!“, dann kommen sie auch voran. Und denken wir nie nur entweder von den Kindern oder von den Lehrern oder von den Eltern her. Denken wir sie im Verbund. Lehrer sind auf Eltern angewiesen wie umgekehrt und Kinder brauchen beide.

Wenn wir dies jetzt gestalten, dann müssen wir auch dafür Sorge tragen, dass nicht die Lehrer diejenigen sind, die den restriktiven Anforderungsteil vertreten und die Zensuren schreiben und dann gibt es den schönen Teil, das ist der musische, der kreative, vielleicht der sportliche und der soziale: Wir sollten das nicht voneinander treffen, sondern als Verbundsystem begreifen, in dem gleiche Verantwortung und Kompetenz getragen wird. Gebt endlich den Lehrkräften Zeit für das, was sie tun möchten. Die wollen nicht nur Unterrichtende im Herbart’schen Sinne sein. Sie wollen ihre Kinder und Jugendlichen als Persönlichkeiten in Gänze entwickeln. Dahinter steht für mich: zivilisierte Wesen aus uns zu machen. Denn wenn wir die Kinder sich selbst überlassen,  was wird mit den Kindern? Sich dieser Frage zu stellen, war und ist das Motiv für die Arbeit in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung Und es betrifft nicht nur die Kinder Ostdeutschlands, nein, es betrifft alle. Der gestaltete Tag für diese Kinder ist so wichtig für ihre ganzheitliche Entwicklung, für ihr Miteinander und auch für ihre Verantwortung für einander. Wir haben allzu lange schleifen lassen, dass ein bestimmter Anteil unserer Kinder eben nicht dieselben Entwicklungschancen hat wie andere. Die Finnen haben plötzlich festgestellt, unsere Jungen haben schlechtere Bildungschancen als die Mädchen. Könnten wir über unsere Schüler auch sagen, wir reden aber lieber nicht darüber, sonst wird die Konkurrenz zwischen Jungen und Mädchen noch größer. Dagegen haben die Finnen haben eins begriffen: Chancen hängen davon ab, wie ich den Prozess individuell fördere: bei den  Einzelnen, der Kleingruppe, der Großgruppe.

Ich hoffe, dass die Lehrerbildung in Deutschland wieder einen Stellenwert bekommt, den sie in kürzeren Zeiten um die Jahrhundertwende und auch nach dem Krieg gehabt hat. Und deswegen möchte ich Sie heute ermutigen. Schauen Sie, was Sie an Austausch hinbekommen, wie Sie sich wechselseitig stützen können. Eine ganz wichtige Botschaft ist: Wir sind auf dem Weg. Zum Teil mit konträren Konzepten. Ich sage hier ganz offen: eine offene Schule braucht Ehrenamtliche, braucht Honorarkräfte. Aber wer glaubt, das geht nur mit Ehrenamtlichen, der wird dem Auftrag nicht gerecht. Meine große Hoffnung ist, dass sich ja was verändert hat, davon ist eben gesprochen worden. Programmatisch sind die Gräben überwunden, dass wir mehr Ganztagsangebote brauchen. Aber achten Sie auch darauf, dass  das nicht heißt: am Vormittag Schule, am Nachmittag Betreuung, sondern dass es wirklich eine Bildungsförderung ist für alle ist. Ich schließe mit der Aussage: Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Sowohl, was die Frage betrifft, was aus einer Gesellschaft mit einem Rückgang an Geburten wird, einer wachsenden Zahl – deutscher wie Kinder mit Migrationshintergrund, die nicht oder nur bedingt ausbildungsfähig sind. Das kann sich eine Nation nicht leisten, die Verantwortung gegenüber ihrer nachwachsenden Generation und ihrer eigenen Zukunft hat. Viele Beispiele in Europa, aber auch in Kanada und mitten in unserem Land zeigen: Veränderung ist möglich. Die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss kann in Kommunen sichtbar in drei Jahren um die Hälfte gesenkt werden, auch bei Kindern mit Migrationshintergrund, wenn viele zusammen arbeiten. Ich kann nur sagen: Nehmt die guten Beispiele und sorgt dafür, dass sie flächendeckend werden. Und was ich mir am meisten wünsche ist, dass wir nun endlich Kontinuität aufbringen und nicht wieder eine Rolle rückwärts machen. Das lebt sicherlich auch vom Geld, aber vor allem von guten Konzeptionen und Praktiken und dass eine Nation darüber spricht, wie sich ihr Bildungswesen erneuert. Wie sie  in die Zukunft schreitet und damit auch Zutrauen und Vertrauen in Zukunft vermittelt. Danke, dass Sie gekommen sind, verbreiten Sie es und geben Sie bitte nicht auf.

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