Ganzheitliches Ernährungskonzept

im Vordergrund Trinkflaschen auf einem Tisch - Im Hintergrund Kinder auf dem Hof
© DKJS / Danny Ibovnik

Ganztagsschule Franzosenkoppel (Hamburg)

Gesundheitsförderung und Präventionsarbeit, vor allem durch gesunde Ernährung sind die Ziele, die sich die Ganztagsgrundschule Franzosenkoppel gesteckt hat. Neben einer im Stundenplan verankerten Frühstückszeit, in der die Kinder das von zu Hause mitgebrachte Frühstück gemeinsam einnehmen und in der gezuckerte Getränke sowie Süßigkeiten verboten sind, legt die Schule besonderen Wert auf eine vollwertige und unter Beteiligung der Schülerinnen und Schülern gestaltete Mittagsverpflegung.

Aus räumlichen und personalen Gründen können die Hauptspeisen in der Ganztagsgrundschule Franzosenkoppel nicht in der Schule zubereitet werden. Deshalb liefert ein Caterer, der auf die Verpflegung von Grundschulkindern spezialisiert ist, die warmen Mahlzeiten, die abwechslungsreich und gesund sind und weitestgehend aus biologisch-kontrolliert angebauten Lebensmitteln hergestellt werden. In der Mensa namens „Kinder-Café“ herrscht eine angenehme Atmosphäre.

Die Teilnahme am Mittagessen ist freiwillig und wird montags und mittwochs von der Hälfte, dienstags und donnerstags - wenn verpflichtender Nachmittagsunterricht stattfindet - von 65 Prozent und freitags von 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler wahrgenommen.

Alle Schülerinnen und Schüler nehmen an den sogenannten „Kinder-Kochwochen“ teil. Täglich zwischen 11.00 und 12.00 Uhr unterstützen fünf bis sechs Kinder einer Klasse jeweils eine Woche lang das Küchenteam.Sie bereiten unter Anleitung des Küchenpersonals das abwechslungsreiche und vielfältige Vorspeisenbüffet und teilweise die Desserts zu, die die Kinder durch ansprechende Präsentation und Wahlmöglichkeiten zum Probieren herausfordern. In den Kochwochen lernen die Schülerinnen und Schüler Produkte, Zutaten und Zubereitungund deren Bedeutung für die gesunde Ernährung sowie jahreszeitliche Obst- und Gemüsesorten aus der Region kennen. Sie erproben und unterscheiden beispielsweise Geruch und Geschmack und erlernen das Würzen mit frischen und getrockneten Kräutern aus der schuleigenen Kräuterspirale. Auch der Umgang mit Küchengeräten wird geübt. So wie das Küchenteam werden auch die Kinder nach den Hygienevorgaben in „Berufskleidung“ (Latexhandschuhe, Mütze, Schürze) eingekleidet und erlernen das Einhalten von Hygienevorschriften. Das Küchenteam dient als Vorbild, wenn es Obst und Gemüse unter Berücksichtigung von Farben, Formen und Geschmacksrichtungen schneidet und zusammenstellt. Die Kinder lassen sich anregen, setzen aber auch ihre eigenen Gestaltungswünsche um und beraten sich dabei gegenseitig. Oft probieren sie zum ersten Mal bestimmte Obst- oder Gemüsesorten und merken, dass das, was sie bislang nicht kosten mochten, doch ganz lecker schmeckt. Anschließend richten sie die vorbereiteten Mahlzeiten ansehnlich an, denn das Auge isst mit. Am Vorspeisenbuffet servieren die Kinder dann den „Gästen“ die Speisen.

Die Mitarbeiter der Schule essen gemeinsam mit den Kindern. Ihre Teilnahme ist im Aufsichtsplan verankert. So können sie das Händewaschen vor dem Essen beaufsichtigen und auf angemessene Manieren, das gemeinschaftliche Abräumen und die Lautstärke achten.

In ihren Neigungskursen können die Kinder den Umgang mit Lebensmitteln am Nachmittag fortsetzen und an verschiedenen  Kochkursen  wie „Küchenprofi – selber kochen“ teilnehmen.So ist auch bereits unter Mitarbeit der Kinder der Schreibwerkstatt ein „Franzosenkoppel-Kochbuch“ entstanden.

Anstelle eines Weihnachtsbasars bietet die Hamburger Grundschule im zweijährigen Rhythmus einen Plätzchenmarkt an. Jede Klasse sucht sich ein Plätzchenrezept aus und backt große Mengen an Plätzchen gemeinschaftlich in der Schulküche. Diese verkaufen die Kinder schließlich an einem festlich dekorierten Stand in der Turnhalle. Anschließend gibt es die Rezepte als Buch zu kaufen, das von den Kindern gebunden und verpackt worden ist.

Zusätzlich zu dem gemeinsamen und gesunden Frühstück und Mittagessen, den Kochwochen, dem Kinder-Café, dem Franzosenkoppel-Kochbuch, dem Plätzchenmarkt und der Arbeitsgemeinschaft „Küchenprofi – selber kochen“ stellt die Beteiligung aller Klassen einmal jährlich an Projekten zum Thema Ernährung ein weiteres Element des umfassenden Ernährungskonzepts der Ganztagsgrundschule dar. In diesen Projekten wurden bislang beispielsweise die Themen „Gesundes Trinken“, „Abwechslungsreiches Frühstück“, „Nahrungspyramide“ und „Brotbacken“ behandelt.

Soziale Spannungen prägen den Stadtteil, in dem die Schule gelegen ist. Etwa zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler stammen aus Familien mit Sozialhilfebezügen. In vielen Familien können sich die Kinder nicht am Einkauf und der Zubereitung der Mahlzeiten beteiligen. Auch das stressfreie und gemeinsame Essen ist oftmals nicht selbstverständlich.

Mit der Umgestaltung der Grundschule Franzosenkoppel als Ganztagsschule im Jahr 2005 stand die Schule vor der Herausforderung ihren Schülern eine Mittagverpflegung anzubieten. Anfangs war die Inanspruchnahme des Mittagessens gering und die Kritik der Kinder am Essen groß.. Die Kinder, die oftmals an Fastfood- und Fertiggerichte gewöhnt waren, kannten viele der angebotenen Speisen nicht. Auch nahm die Anzahl der übergewichtigen und adipösen Kinder in der Ganztagsgrundschule von Jahr zu Jahr zu. Viele Schüler berichteten, dass sie nicht gemeinsam mit ihren Familien essen und dass weder sie noch ihre Eltern vielfältige Lebensmittel und Zubereitungsarten kennen würden. Aus diesen Gründen wurden Anfang 2010 die Kochwochen eingeführt, die seitdem  zu einem Bestandteil des Schullebens geworden und fest im Unterricht eingeplant sind.

Ziel des umfassenden Ernährungskonzeptes der Grundschule Franzosenkoppel ist das Kennenlernen von für die Schüler unbekannten Lebensmitteln und Zubereitungsarten. Esskultur und Ernährungsbewusstsein der Kinder sollen verbessert werden. Auch haben die verschiedenen Elemente des Konzepts die Intention, dass die Schüler ihre gewonnenen Erfahrungen nach Hause transportieren, dort anwenden und somit die Eltern für Möglichkeiten einer gesunden Ernährung und deren Bedeutung sensibilisieren.

Den Erfolg der verschiedenen Maßnahmen des Ernährungskonzepts erkennt die Grundschule Franzosenkoppel vor allem an den gestiegenen Essensanmeldungen und den mittlerweile auf drei Nachmittage ausgeweiteten Kochkursen. Viele der Kinder, die nicht zum Mittagessen angemeldet sind, bitten ihre Eltern nun, auch in der Schule essen zu dürfen.

Seitdem die Schülerinnen und Schüler an der Gestaltung der Mittagsverpflegung beteiligt sind, kritisieren sie diese nur noch selten und nutzen in der Regel gerne die Möglichkeit, ihnen unbekannte Lebensmittel zu probieren. Inwiefern sich ihr Bewusstsein für gesunde Ernährung verstärkt hat, lässt sich abschätzen, wenn die Kinder etwa vorsichtig ihre Salatsoßen würzen und andere  Speisen kritisch abschmecken.

Auch beim gemeinsamen Frühstück sind die Erfolge des schulischen Engagements für gesunde Ernährung erkennbar:  Die Kinder erkennen und bemerken beispielsweise, wenn ein Kind statt Graubrot häufig Weißbrot mitbringt und teilen ihre gesunde Pausenverpflegung untereinander. Besonders auffallend findet die Ganztagsschule Franzosenkoppel das veränderte häusliche Einkaufsverhalten durch die neuen Erfahrungen der Kinder. Sie erklären ihren Eltern, was in der Schule unerwünscht ist, und so verbessern die Eltern vor allem in den Eingangsklassen häufig ihr Verhalten. Darüber hinaus schafft die gemeinsame Frühstückszeit in der Klasse Zugehörigkeit (oft wird dabei vorgelesen) und vermindert gleichzeitig den Müll auf dem Schulhof. Essen wird nicht weggeworfen, sondern geteilt. Die Spielpause wird dadurch zu einer reinen Bewegungspause, da das Essen nicht in die Pause mitgenommen werden muss. Auch die Atmosphäre in dem „Kinder-Café“ hat sich verbessert, was die Schule vor allem an der zunehmenden Geduld in der Warteschlange, der Übernahme der Hygiene- und Verhaltensregeln, der Lust, neue Speisen zu probieren, sowie dem freundlichen Umgang beim Essen erkennt. Zudem legen die Schülerinnen und Schüler großen Wert darauf, dass die Kochzeiten nicht ausfallen.

Bei einer schulinternen Evaluation 2008 wurden alle Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte zum Essen befragt. Die Ergebnisse bestätigten den eingeschlagenen Weg: Insgesamt wagt die Ganztagschule die Einschätzung, dass die Einstellung und das Wissen der Kinder zum Thema Ernährung deutlich aufgeklärter als früher ist. Colaflaschen und Chipstüten sind jedenfalls aus dem Schulbild verschwunden.

Alle Schülerinnen und Schüler werden in das Ernährungskonzept einbezogen und erfahren dabei Mitbestimmungsmöglichkeiten durch aktive Teilhabe. Dies stärkt ihr Zugehörigkeitsgefühl. Individuelle Unterschiede werden in dem Speisenangebot anerkannt, etwa durch den weitgehenden Verzicht auf Schweinefleisch, das Angebot eines vegetarischen Essens an Fleischtagen und Diätessen auf Nachfrage.

Mit dem Ernährungskonzept bieten sich vielfältige Gelegenheiten zum Kompetenzaufbau: Die Kinder lernen in den Kochwochen Geschmack, Verwendung und Zubereitung von verschiedenen Lebensmitteln handlungsorientiert kennen. Ferner erlernen sie die Strukturierung des Arbeitsplatzes, die Vorbereitung von Werkzeugen und anderen Materialien, den sicheren Umgang mit Küchenutensilien sowie die Anwendung grundlegender Hygienevorschriften. Die beiden letztgenannten Aspekte dienen auch der Förderung der physischen Sicherheit der Kinder. Zudem erfahren die Schüler , welche Lebensmittel jahreszeittypisch sind und worauf bei der gesunden Auswahl und Zubereitung geachtet werden sollte. Auch lernen sie Rezepte anzuwenden und zu verfassen sowie Speisen optisch ansprechend anzubieten. Darüber hinaus werden soziale Kompetenzen erlernt und positive soziale Normen vermittelt, wie Team-, Konflikt- und Kritikfähigkeit. Daneben können die kleinen Köche auch Bedeutsamkeit und Eigenständigkeit erfahren. So erleben sie Anerkennung, wenn die Besucher des Kinder-Cafés „ihre“ Werke zum Verzehr auswählen und fühlen sich in ihrer Tätigkeit ernst genommen. Sie können die erworbenen Kompetenzen in ihrem häuslichen Umfeld anwenden und erfahren dort mit diesen praktischen Fähigkeiten Wertschätzung, die ihnen über schulische Leistungen teilweise verwehrt bleibt.

Die Eltern der Kinder und der Elternrat sind immer an den verschiedenen Aktivitäten des Ernährungskonzepts beteiligt, etwa durch Elternabende, Informationsmaterialien bei verschiedenen Unterrichtsaktionen oder den Einbezug in die Evaluation. Durch den Caterer erhält die Schule Beratung durch einen Ökotrophologen und einen Koch, die das Küchenteam schulen. Externe Partner sind das Kinder- und Familienzentrum, die AOK und die Hamburgische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung (HAG) sowie das Spielhaus Fahrenort.

Problematisch sind die befristeten Arbeitsverträge der Küchenhilfen, die als 1-Euro-Kräfte nur eine kurze Zeit in der Schulkantine arbeiten dürfen und somit häufig wechseln. Neue Kräfte haben jeweils andere Interessen und es ist nicht immer gewährleistet, dass die Küchenhilfen mit Kindern arbeiten möchten. Die Schule selbst hat keinen Einfluss auf die Wahl der Hilfen.

Die Ganztagsgrundschule Franzosenkoppel empfiehlt, Kindern nicht nur vom Caterer geliefertes Essen anzubieten, sondern sie aktiv in die Gestaltung und Herstellung von Speisen einzubeziehen. Auch bei Inanspruchnahme eines Zulieferers ist die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern an der Zubereitung von beispielsweise Vorspeisenbüffet und Dessert möglich.

 

Eckdaten zur Ganztagsschule Franzosenkoppel in Hamburg
 
Organisationsform:     Teilgebundene Grundschule
Ansprechpartnerin:     Anne Hauschild
Schulleiterin:             Marion Lindner
Infos unter:                www.schule-franzosenkoppel.de
Anzahl SuS:              290
Qualitätsbereiche:      Konzeption von Ganztagsschule
Kontextmerkmale*:     KM 2, KM 3, KM 4, KM 5, KM 6, KM 7
 
* Die Kontextmerkmale für ein gutes gesundes Aufwachsen in der Ganztagsschule werden in der Dokumentation 7 "Auf zur guten gesunden Ganztagsschule" beschrieben.