Inspiriert von anderen Schulen

 

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Bei der Ausstellungseröffnung im Themenatelier „Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen. Klappe die Zweite!“ wurde auch Zwischenbilanz gezogen. Und die fiel ziemlich begeistert aus.

Sie stehen in schwarzen T-Shirts vor dem Publikum, 20 Jugendliche wie eine Wand. Als sie sich umdrehen, kann man bunte Buchstaben auf ihren Shirts erkennen. Nach etwas Gewusel formiert sich der Satz „Ist hier Inklusion?“.

Auf jeden Fall ist heute ein Abend, auf den sie sich gefreut haben. Die Wanderausstellung mit Exponaten von Schülerinnen und Schülern des Themenateliers „Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen. Klappe die Zweite!“ wird feierlich in Greifswald eröffnet. „Unsere Schüler fühlen sich geehrt, dass die Ausstellung hier bei uns beginnt“, erklärt Christine Person, Lehrerin an der Regionalen Schule „Caspar David Friedrich“. Die aus Berlin angereisten Mitarbeiterinnen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) sind begeistert: Das hohe Foyer des Pommerschen Landesmuseums ist wie geschaffen für die stelenförmigen Transportkisten, die sich in Leuchtkästen verwandeln, wenn der Betrachter hineinblickt. Designerin Sophie Jahnke aus Berlin hat sie zusammen mit einem Künstlerteam und mit Schülern aus vierzehn Projektschulen erarbeitet und erklärt die Idee, die dahinter steht: „Wir wollten eine Gestaltung finden, die die Individualität der einzelnen Projekte unterstreicht. Deshalb hat jede Schule einen eigenen Ausstellungsträger bekommen, den sie selbst bestückt hat." Deshalb sind die Kisten auch unterschiedlich groß und es ist auch kein Zufall, dass sie aussehen wie Transportkisten. Von Greifswald werden sie weiterziehen, von Stralsund über Wuppertal bis nach Hannover. In jedem Ort, wo eine Schule des Themenateliers „Kulturelle Bildung“ vertreten ist, wird die Ausstellung zwei bis drei Wochen zu sehen sein, ob im Museum, in einer Kinderklinik oder im Rathaus.

„Die haben uns genommen, wie wir sind!“

 

Es ist noch gar nicht lange her, als Schülerinnen und Schüler aus fünf Bundesländern nach Berlin gereist sind, um unterstützt von Künstlern an ihrem Ausstellungsstück zu bauen. Ohne Lehrer, ohne einen, der sagt, was zu tun ist. Es war ungewohnt und für einige gar nicht einfach. „Das hat gut geklappt“, berichtet Sophie Jahnke heute. Der 17-jährige Rico aus Greifswald sagt sogar: „Die Zusammenarbeit mit den Künstlern hat am meisten Spaß gemacht. Die haben uns genommen, wie wir sind. Es gab keinen Streit und keinen Stress.“ Während die Schüler klebten, malten, sprühten und fotografierten, haben die Lehrer am Ausstellungskatalog gearbeitet, der über jedes Projekt ausführlich berichtet. Die Wanderausstellung ist ja nur ein Teil vom Gesamtprogramm. Im Zentrum des Themenateliers stehen Filme, die die Kinder und Jugendlichen mit Hilfe von außerschulischen Kooperationspartnern und ihren Lehrern drehten. Vom Storyboard über die Locationsuche, vom Casting bis zum Final Cut. Während die Ausstellung vor allem einen ästhetischen Eindruck bietet und neugierig macht, bietet der Katalog einen Einblick in die Hintergründe. Er erzählt von der Entstehungsgeschichte der Filme, von der Arbeit zwischen Schulen und außerschulischen Partnern und von den Entwicklungen im Gesamtprogramm. Die Making Ofs sind begehrt. Kaum ist die Ausstellung eröffnet, sind auch schon alle Exemplare des Katalogs vergriffen.

 

Und wie lautet jetzt die Antwort auf die Frage: Ist hier Inklusion?, die die Jugendlichen auf ihren schwarzen T-Shirts gestellt haben? Programmleiterin Harriet Völker von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) erklärt, dass die Schülerinnen und Schüler darauf ganz unterschiedliche Antworten gefunden haben, die Konflikte in ihrer Lebenswelt thematisieren: Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, Vorurteile gegenüber Mitschülern, Konflikte zwischen Arm und Reich, Jung und Alt. Inklusion lässt sich aber auch gut auf die Metaebene des Programms übertragen: auf die Zusammenarbeit von Schulen und außerschulischen Partnern, auf die Rollen von Lehrkräften und Schülern und auf Veränderungen im Klassenklima. Wie das Thema Inklusion von den Schülerinnen und Schülern in Greifswald verstanden wurde, darüber berichtet die Schülerin Alexandra: „Wir wurden im Oktober 2007 auf das Projekt aufmerksam und waren sehr erfreut, dass unsere Klasse zu den Auserwählten gehörte.“ Ihr Mitschüler Steven ergänzt: „Den dritten Film drehten wir in Ludmin. Wir teilten uns in vier Gruppen ein. Jede behandelte ein anderes Thema, am Ende wurden die besten Szenen ausgewählt. Sicher gab es auch viele Probleme, aber auch viel Lustiges beim Drehen. Selbst Schüler, die in der Schule kaum ein Wort sagen, haben ihre Texte mit Betonung vorgetragen, die Deutschlehrerin hätte gestaunt.“

Machen Sie bloß weiter!

 

Die Schulleiterin, die sie von Anfang an unterstützt hat, ist stolz auf ihre Schüler: „Unser Projekt hat eine Menge bewirkt. Schüler und Lehrer haben viel von und übereinander gelernt“, berichtet sie dem Publikum im voll besetzten Veranstaltungsraum des Museums. Dabei soll allerdings niemand glauben, dass es leicht gewesen wäre. Viele hatten Bedenken, vor allem hinsichtlich der Schüler: Werden sie sich einbringen und durchhalten? Heute sagt ihre Schulleiterin: „Sie sind mit dieser Aufgabe gewachsen und haben zueinander gefunden. Diese besondere Erfahrung, ich kann etwas schaffen, wenn ich das wirklich will, hat ihnen gut getan. Ich kann nur alle bitten, machen Sie weiter!“

In der Tat geht es weiter, das Programm ist auf zwei Jahre angelegt. Die Schulen arbeiten gerade an ihrem nächsten Film, der im Oktober in Berlin gezeigt werden wird. Einig waren sich alle beim letzten Netzwerktreffen, dass kürzere Filme die spannenderen sind. „Eine einzige Minute Film herzustellen, braucht schon unheimlich viel Zeit, wenn er gut werden soll. Es ist eine riesige Herausforderung für die Schulen“, weiß Programmleiterin Harriet Völker von der DKJS. Deshalb will sie den Schülern in diesem Jahr mehr Zeit geben, sich auszuprobieren. Auch 2009 werden wieder Schülergruppen nach Berlin reisen und mit Künstlern arbeiten. Designerin Sophie Jahnke freut sich schon darauf: „Wir sind gespannt, ob es eine Entwicklung gibt und sie sich gegenseitig inspiriert haben.“

 

Im Sommer 2009 werden Linda und Ephraim Broschkowski, die künstlerischen Leiter des Programms, eine filmische Dokumentation präsentieren, auf der die Höhen und Tiefen, die Diskussionen und Reisen, die viele Arbeit, manche Auseinandersetzung und nicht zuletzt Spaß und Action zu sehen sein wird. Dafür begleitet ein Filmteam die Netzwerktreffen und die Arbeit in Berlin mit den Künstlern. Außerdem werden Schulen in Salzwedel, Stralsund und Frankfurt regelmäßig besucht. Linda Broschkowski ist gespannt: „Wenn man in einem Prozess steckt, dann merkt man manchmal gar nicht, wie weit man schon gekommen ist.“ Soviel weiß sie aber schon jetzt: „Die Schüler wollen sich weiter entwickeln.“ Durch den Kontakt zu den anderen Schulen haben sie neue Impulse bekommen, die sie nun selbst ausprobieren möchten. Rico (17 Jahre) aus Greifswald bestätigt ihren Eindruck: „Es war spannend von den anderen mitzubekommen, wie die ihre Filme gedreht haben“. Sie haben sich von den anderen abgeguckt alltägliche Drehorte in der Schule und Stadt zu wählen. Zum Alltagsgeschäft ist das Filmen dabei nicht geworden. Sie wissen, dass es etwas ganz besonderes ist, bei diesem Projekt beteiligt zu sein. „Wir hätten nie gedacht, dass wir bei einem bundesweit ausgeschriebenen Programm die Chance bekommen, mitzumachen“, erinnert sich die Lehrerin Christine Person. Rico ist überzeugt: „So etwas werden wir nie wieder erleben“.

Gespannt wie ein Flitzebogen

 

Auch für die Bürger der Stadt Greifswald, die Schulsozialarbeiterin, die Eltern und die anderen Schüler der Regionalen Schule „Caspar David Friedrich“ ist es etwas Besonderes, was sie heute im Pommerschen Landesmuseum erleben. Die 12-jährige Cindy weiß jetzt schon: „Das Projekt finden wir sehr gut.“ „Wir würden das auch machen wollen“, fügt Lisa (13) hinzu. Ein Vater, der gerade schnellen Schrittes zur feierlichen Eröffnung eilt, lässt sich noch entlocken: „Unsere Tochter hat bei dem Projekt mitgemacht. Wir sind gespannt wie ein Flitzebogen, was dabei herausgekommen ist.“ Auch die Jugendlichen aus dem Wahlpflichtfach Wirtschaft, die den Imbiss vorbereitet haben, hören und sehen hier zum ersten Mal die fertigen Filme aus dem Themenatelier an ihrer Schule.

Der Imbiss schmeckt so gut, wie er aussieht. Doch die Schüler der IGS Grüntal aus Stralsund können nur noch schnell davon kosten, bevor sie zum Bahnhof eilen. Seit neun Uhr morgens haben sie im Pommerschen Landesmuseum für ihren tänzerischen Auftritt heute Abend geprobt und gleichzeitig Szenen für ihren nächsten Film gedreht. Auch ihr Projekt ist mit einer beeindruckenden Ausstellungskiste vertreten. Es zeigt Scherben, Schutt und Steine, Erinnerungen an die Nacht in der Abrissschule, in der sie ihr Tanzstück gefilmt haben. Wie sie es hier zusammen mit den anderen finden, dazu können sie leider gar nichts mehr sagen, die Lehrer drängen zum Aufbruch. Deshalb befragt das Doku-Filmteam den 16-jährigen Paul aus Greifswald, wie ihm die Ausstellung gefällt. „Ist ein Erfolgserlebnis erstmal“, erklärt Paul.

 

Es ist dunkel geworden. Draußen vor dem Museum liegt noch etwas Schnee. Der Vater der am Projekt beteiligten Schülerin wird gefragt, wie ihm die Ausstellungseröffnung gefallen hat. „Hervorragend“, lautet sein Kommentar. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass er stolz auf seine Tochter ist.

 

Von: Christine Plaß

Datum: 04.02.2009
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