90 Minuten Einheiten geben den Rhythmus

GSE hält an Förderstufe fest
Mit der Weisung G8 umzusetzen, gab es für die Gesamtschule Ebsdorfergrund zwei wichtige Bedingungen: Die Förderstufe sollte in jedem Fall beibehalten werden. Zudem war die Weiterentwicklung zur ganztägig arbeitenden Schule gewünscht. „Bei Betrachtung unserer Stundenpläne ergab sich sehr schnell, dass eine Ausweitung des bisherigen Konzepts auf den Nachmittag pädagogisch nicht sinnvoll sein kann“, berichtet Ludger Vogelbein, pädagogischer Leiter der Schule. Um die für G8 erforderlichen Mehrstunden unterbringen zu können, bedurfte es einer grundlegenden Änderung der Unterrichtsstruktur, nicht nur in der Förderstufe. Das bisher genutzte Modell mit Pflichtunterricht am Vormittag und einem freiwilligen Band am Nachmittag passte nicht mehr. Vor allem die üblichen 45 Minuten Unterrichtseinheiten ergaben auf den Nachmittag ausgeweitet ein zerrissenes und zu unruhiges Stundenplanbild (Abb. I). Mit Blick über den Zaun wurde man aufmerksam auf ein Modell, das Ruhe in den Stundenplan bringt: Die Gliederung des Unterrichts in eine Doppelstundenstruktur war damit als erster Ansatz gefunden.
Nur verdoppeln ist zu wenig
Die Doppelstundenstruktur, das wurde für das Kollegium sehr schnell deutlich, bedeutete nicht nur eine zeitliche Veränderung und einen Einstieg in die Rhythmisierung des ganzen Tages (7 bis 8 Einzelstunden auf dem Stundeplan wurden vermieden), sondern war auch Anlass für eine inhaltliche und methodische Umgestaltung des Unterrichts der ganzen Schule: Die Vermittlung methodischer Kompetenzen und die Entwicklung eines selbst gesteuerten Lernprozesses wurde so ermöglicht. Kollegium und Schulleitung erfuhren dies auch als Voraussetzung für ein Gelingen der neuen Unterrichtsstruktur.
Letztendlich konnte der ganze Tag in einen Rhythmus gebracht werden, der Lernen und Entspannen in Einklang bringt. So wird neben den Bildungszielen auch die Orientierung am Kind nicht vernachlässigt.
Eine neue Hausaufgabenkultur

Um G8 in der Förderstufe zu implementieren, nahm die Gesamtschule Ebsdorfergrund für zwei Nachmittage verpflichtenden Unterricht in den Stundenplan auf. Das bedeutete eine Erhöhung der Stundenzahl im Vergleich zu den früheren Plänen. Davon profitierten die Hauptfächer Englisch, Deutsch und Mathematik. Für sie wurde in den Klassen 5 und 6 fortan jeweils eine Stunde mehr Unterricht angeboten, was wiederum eine individuellere Förderung ermöglichen sollte. Im Gegenzug fielen die schriftlichen Hausaufgaben weg. Das veränderte Hausaufgabenkonzept bedeutete, dass schriftliches Üben unter fachlicher Anleitung in der Schule stattfand. Damit soll zukünftig eine neue, mündliche Hausaufgabenkultur entwickelt werden, die neben dem Vokabeln Lernen und Lesen auch die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts einschließt.
Gestaltung, Spiel und Entspannung lockern den Ganztagsunterricht
Damit die kognitiven Anforderungen für die Kinder an den beiden Tagen mit Ganztagsunterricht nicht zu groß werden, führte die Schule als weiteren Rhythmisierungsschritt das GSE-Band ein. Mit Gestaltung, Spiel und Entspannung (GSE) wurde den Kindern in der fünften und sechsten Stunde die Möglichkeit gegeben zu entspannen und neue Energie zu tanken (Abb. II). Die „GSE“ Doppelstunde wird nicht benotet, findet in kleinen Gruppen und in hoher Differenzierung statt. Insgesamt durchlaufen die Schüler in einem Schuljahr acht Angebote, wie beispielsweise Töpfern, Wassersport oder Darstellendes Spiel (Abb. III). Beachtung findet dabei, dass die attraktiven, variablen und herausfordernden Angebote den altersspezifischen Interessen, Entwicklungs- und Lernbedürfnisse der Kinder sehr entgegengekommen.
Wie rhythmisiere ich meine Doppelstunde?

Auch mit dieser Frage steht und fällt die Strukturreform. 90 Minuten Unterricht fordern eine andere Unterrichtsgestaltung und Strukturierung. Daher machten sich alle Lehrkräfte in Fortbildungen mit dieser Aufgabe vertraut. Hier erfuhren sie, dass Entspannung und Bewegung, aber auch Frischlufttanken und etwas trinken ganz nach den Bedürfnissen der Klasse und dem Unterrichtsgeschehen stattfinden können. Bewegungselemente wurden darüber hinaus gezielt in den Unterrichtsablauf integriert.
In der Summe betrachtet, machen vier Bereiche das Rhythmisierungskonzept aus:
- Eine Beruhigung des Stundenplans durch 90 Minuten Einheiten
- Die Unterbrechung des normalen Unterrichts durch das GSE Band in der 5./6. Stunde
- Eine zeitgerechte und kreative Gestaltung der Doppelstunden
- Ein Konzept für „Bewegte Schule“
Was außerdem zur Rhythmisierung beiträgt
Für ein stimmiges Konzept wird die Doppelstundenstruktur auch an den Wochentagen ohne verpflichtenden Nachmittag beibehalten. Dass der erste Unterricht am Montagmorgen sowie die letzte Wochenstunde dem Klassenlehrer gehören sollten, ist i-Tüpfelchen der Reform.
Darüber hinaus bleibt das gewohnte Ganztagsangebot, mit beispielsweise sportlicher, musischer oder künstlerischer Auswahl unangetastet. Dieses gilt für alle Jahrgänge und Schulformen der GSE. Damit haben alle Schüler und Schülerinnen die Option an jedem Schultag auch nachmittags bleiben zu können. Die Cafeteria ist ein weiteres wichtiges Element, um den Bedürfnissen bzw. Ansprüchen einer ganztägig arbeitenden Schule gerecht zu werden. An der Gesamtschule Ebsdorfergrund ist die Mittagsverpflegung bislang noch ein limitierender Faktor, der weiterentwickelt werden soll. Zum erfolgreichen Arbeiten einer Schule gehört ganz klar auch ein stimmiges Bewegungskonzept. Um dem Prädikat „bewegte Schule“ zu entsprechen, wurden zahlreiche Angebote auf dem Schulgelände geschaffen, wozu auch das Öffnen des Außensportgeländes in den großen Pausen zählt. Erarbeitet wurde das Bewegungskonzept mit Unterstützung der Marburger Universität. Es hat zum Ziel die Bewegung in den Pausen, in den Stunden, an den Nachmittagen sowie im GSE-Band zu optimieren und in Einklang zu bringen.
Entschieden wird gemeinsam
Dass die Einführung eines neuen Systems nur von allen Beteiligten gemeinsam getragen werden kann, verstand sich von allein. Auch an der Gesamtschule Ebsdorfergrund entschieden Eltern, Lehrer und Schüler die Umstrukturierung. Kleine Schritte und eine pragmatische Vorgehensweise waren stets gute Instrumente. Dass das neue System mit hoher Akzeptanz von allen Beteiligten getragen wird, zeigen die bisherigen Evaluationsphasen. Seit der Einführung des neuen Beschulungssystems in den Förderstufenklassen im Jahr 2006 wurden zwei Jahrgänge befragt. Die Beurteilungen waren durchweg positiv. Eine endgültige Evaluation mit Eltern, Lehrern und Schülern wird zurzeit von der Steuergruppe der Schule vorbereitet.
Die finanzielle Realisierung
Wie eingangs erwähnt, ist die Gesamtschule Ebsdorfergrund mit den Mitteln für eine Halbtagsschule mit pädagogischer Mittagsbetreuung ausgestattet. Zusätzliche Lehrerstellen standen nicht zur Verfügung. Mit den vorhandenen Ressourcen musste letztendlich die Umstrukturierung gelingen. Die Realisierung des GSE-Bandes plus Einführung der Mehrstunden in den Hauptfächern konnte durch eine Mischung verschiedener Ressourcen ermöglicht werden. In den Stundenpool aufgenommen wurden die dritte Sportstunde und Teile der pädagogischen Mittagsbetreuung. Die acht Angebote im GSE-Bande wurden mit dieser Lösung paritätisch von Lehrern der Schule und externen Experten bestritten.
Eine fast reibungslose Umstellung
Im Großen und Ganzen verlief die Umstellung, dank reger Kommunikation und guter Abstimmung ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Als kleine Stolpersteine sind der hausaufgabenfreie Nachmittag für die Klassen 5/6 und die Rhythmisierung der Doppelstunde zu nennen. „Wir haben am Anfang nicht deutlich genug gesagt, dass eine gedankliche Nacharbeitung des Unterrichts sowie das Lernen von Vokabeln nötig ist, auch wenn es keine schriftlichen Hausausgaben gibt“, bemerkte der Pädagogische Leiter. Das führte anfangs zu unnötigen Konflikten. Hausaufgaben ja oder nein? – diese Frage ist bis heute an der Schule noch nicht endgültig ausdiskutiert. Ein Problem auf Lehrerseite war die Umstellung auf die 90 Minuten Unterrichtseinheit. Das Strukturieren und Gestalten der Stunden, der richtige Zeitpunkt für eine Unterbrechung und deren Inhalte waren nicht von vornherein selbstverständlich. Fremdsprachen und Mathematik ließen sich schwieriger handhaben als naturwissenschaftlicher Unterricht, der nun ausreichend Raum für Experimente bietet.
Der Blick in die Zukunft
Aktuelle Entwicklungen in der Schulpolitik haben die Situation an der Gesamtschule mittlerweile wieder ein wenig geändert. Eltern und Lehrer waren sich einig, dass es im Sinne der Kinder ist, nicht an G8 festzuhalten. Trotz der Rückkehr zur sechsjährigen Sekundarstufe, bleibt das als gelungen zu bewertende und zum Selbstverständnis der Schule gehörende System der Rhythmisierung fester Bestandteil des schulischen Alltags. Die Förderstufenkinder werden aktuell nur noch einen verpflichtenden Nachmittag mit GSE-Band haben und die zweite Fremdsprache wird wieder ab der 7. Klasse gelehrt. Die Doppelstundenstruktur bleibt Grundlage aller Stundenpläne der Schule. Eine weitere Ausweitung des Rhythmisierungsprinzips ist im nächsten Schritt auch für die anderen Schulzweige in Arbeit. Ab kommendem Schuljahr werden alle Schüler einen verpflichtenden Nachmittag im Stundenplan haben. Damit soll langfristig eine optimale Balance zwischen Lernen, Anstrengung und Entspannung gefunden werden.

Auf einen Blick
Gesamtschule Ebsdorfergrund
Schüler 740
Klassen 39
Lehrkräfte 70
Förderstufe 2 x 6 Klassen
Schulformen Förderstufe, Hauptschule, Realschule, Gymnasium bis 10. Klasse und angegliederte Förderschule
Von: Martina Becker
Datum: 21.08.2009
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